Die Rückseite des Medaillenspiegels

Sport / 27.02.2026 • 11:30 Uhr
Die Rückseite des Medaillenspiegels

Toni Innauer über die österreichische Bilanz bei den Olympischen Winterspielen

Jeder liest anderes heraus aus seinem Spiegel. Laut Konrad Lorenz bilden unterschiedliche kulturelle Traditionen und Erwartungen, in denen wir stehen, und angeborene genetische Verhaltensweisen die Voraussetzungen unseres Erkenntnisvermögens. Erkennen ist ein aktiver Akt. Was wir sehen, ist nie neutral, es ist immer vom Betrachter gefärbt.

ÖOC-Präsident Horst Nussbaumer darf sich mit seiner Medaillenvorhersage als mutiger Hellseher bestätigt fühlen. Seine Leistungssportvergangenheit und seine sportkulturelle Sozialisation haben ihm dabei vermutlich geholfen.

Was sieht der deutsche Wintersport im Medaillenspiegel? 19 von 26 Medaillen wurden im Eiskanal und sitzend bzw. liegend errungen. Alles richtig gemacht? Ist es ein Triumph der deutschen Ingenieurskunst, der ein wenig vergessen lässt, dass im Autobau schmerzhaft an globalem Terrain verloren wurde? Oder spiegelt sich ein Warnsignal an die großen Ski-Sportarten, die Wochenende für Wochenende, vom Morgengrauen bis zu Flutlichtereignissen spät in die Nacht, Sendeflächen füllen?

Mario Stecher, als Sportdirektor des ÖSV, nimmt im ORF-Bilanzinterview die Anerkennung für dreizehn Medaillen von Ski Austria entgegen.

Er ist nur bedingt zufrieden, lobt aber die erfolgreichen Randsportarten. Es folgt ein Aufruf an die ganze Nation. Mehr Mittel müssten ausgeschöpft werden, mehr investiert werden in eine Skination. In Norwegen oder in der Schweiz soll das im großen Stil passieren und den Vorsprung dieser Skinationen erklären.

Vor 10 Jahren leitete ich ein mehrjähriges Mental-Projekt für SwissSki-Alpin. Beim Blick über den Rhein vermutete man seinerzeit auch, Ski Austria hätte viel mehr Geld zur Verfügung …

Ist Geld tatsächlich jene alchemistische Allzweckwaffe, die Blech verlässlich in olympisches Gold verwandelt? Mein Erfahrungshintergrund auf der Medaillenspiegelrückseite wirft Differenzierteres zurück.

Gemessen an den ÖSV-Cashcows, Ski Alpin und Skispringen, sind es ausgerechnet die Low-Budget-Disziplinen, die 13 der insgesamt 18 Medaillen gewonnen haben: Snowboard, Rodeln, Skeleton, Nordische Kombination, Freestyle-Skiing! Geld, gut eingesetzt, hilft. Es kann aber auch (Stichwort Outsourcen) bequem und einfallslos machen. Wo sind die zündenden eigenen Ideen? Wo die mitreißenden Projekte und Persönlichkeiten, die der Urkraft einer unvergleichlichen Ski-Tradition mit Frischzellenkuren und Begeisterung mittel- und langfristig wieder auf die Sprünge helfen? Wie holt man die besten, oft auch kritischen Köpfe ins Team und hält nicht nur die Loyalen bei der Stange? Wie können Funktionsträger über ihre Kernaufgaben hinaus zu Stellenwert, Attraktivität und Sicherheit einer Sportart beitragen?