Historische Villa ist neuer Standort für den carla Store in Bludenz: Retro-Charme trifft Secondhand

Der carla Store ist in die Gassner-Villa übersiedelt. Hier stehen Arbeitsintegration, Kreislaufwirtschaft und die 70er-Jahre im Mittelpunkt.
Bludenz Die historische Villa Richard Gassner ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Seit Montag ist das Privathaus für die Öffentlichkeit zugänglich, denn der carla Store hat hier Quartier bezogen.



Jeder Raum ist mit viel Liebe zum Detail dekoriert. Standortleiterin Miriam Auer erklärt das Konzept: Die gelbe Verkaufstheke aus einem ehemaligen Schuhgeschäft stammt aus den 70er-Jahren. Um diese Theke herum ist die gesamte Einrichtung abgestimmt. Wer den carla Store betritt, fühlt sich in die 70er-Jahre zurückversetzt: Retro-Radios, alte Lederkoffer, Schreibmaschinen, Röhrenfernseher. „Wir haben nichts zugekauft, außer die Kleiderstangen“, betont Miriam Auer, gelernte Dekorateurin. Besonders stolz ist sie auf das Gobelinzimmer, in dem Kunden auch einen Kaffee trinken können. Hier hängen 107 Gobelinbilder, also bestickte Bilder, an den Wänden.



Im carla Store gibt es Damen- und Herrenkleidung, Heimtextilien, Kleinmöbel, Haushaltsgegenstände, Accessoires und Vintageartikel. Im ehemaligen Pferdestall kann man saisonale Dekoration kaufen. Kinderspielzeug und größere Möbel führt der Standort in Bludenz nicht mehr, da in der Gassner-Villa der Platz fehlt. Markus Comploj, Eigentümer der Gassner-Villa und CEO der Getzner Holding, bezeichnete den carla Store schon immer als „lässiges Projekt“. Als die alte Villa nach dem Tod der Bewohner im vergangenen Jahr leer stand und der carla Store zeitgleich neue Räumlichkeiten suchte, entstand die Idee einer Zusammenarbeit.



Eine zweite Chance
13 Transitmitarbeiter arbeiten im carla Store in Bludenz, im Lager und in der Warenannahme, im Verkauf oder als Allrounder. Die carla Shops beschäftigen am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen. Die Caritas Vorarlberg arbeitet dabei mit dem Arbeitsmarktservice (AMS) zusammen. Menschen, die es schwer haben, eine Stelle zu finden, können in den carla Shops vorübergehend arbeiten. Sozialarbeiter unterstützen sie bei der Jobsuche.



Die carla Shops stehen zudem für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, denn sie verkaufen ausschließlich gut erhaltene, gebrauchte Ware. „In den carla Shops finden Menschen, Kleidungsstücke und Gebrauchtwaren eine zweite Chance. Hier wird geteilt und nachhaltig konsumiert“, sagt Caritasdirektor Walter Schmolly. Für ihn sei der neue Standort „stimmig und ein schönes Gesamtensemble“. Bürgermeister Simon Tschann spricht von einem großen Mehrwert für den Vorarlberger Süden, weil der carla Store nicht nur erhalten bleibt, sondern sogar näher an die Innenstadt rückt.



Zwei Frauen, zwei Geschichten
Sabine (58) arbeitet seit 2024 im carla Store und damit länger als ursprünglich vorgesehen. Sie erlitt mehrere kleinere Schlaganfälle, verlor Job und Wohnung. Für sie ist es wichtig, dass sie sich mit ihrem Job identifizieren kann, weshalb sie nicht mehr in einem Seniorenheim arbeiten wollte. „Das war für mich nicht mehr stimmig“, sagt Sabine. Über das AMS erhielt sie schließlich die Stelle bei carla. „Ich dachte, ich wäre für den Verkauf nicht geeignet. Doch das System hier hat mich sehr angesprochen. Mit und für Menschen arbeiten – das hat mir zugesagt. Ich fühle mich hier gut aufgehoben“, sagt Sabine.



Hikmet (46) absolviert derzeit eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau im carla Store. Im Sommer schließt sie diese ab. Auch sie hat gesundheitliche Probleme: Brust- und Lymphknotenkrebs machten sie arbeitsunfähig. Hinzu kam ihre Scheidung. Aufgrund anhaltender Schmerzen kann sie nur noch eingeschränkt arbeiten. Dennoch gibt sie nicht auf und plant im Anschluss eine Ausbildung zur Buchhalterin. „Es war immer mein Traum, eine Lehre zu machen und zu lernen“, sagt sie. Sie hofft, auch nach der Ausbildung im carla Store bleiben zu können.



Am neuen Standort ist zudem das Jugendbeschäftigungsprogramm „Startbahn“ untergebracht. Es unterstützt junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren beim Einstieg ins Berufsleben durch praktische Arbeitserfahrung und individuelle Begleitung. „Diese Kombination schafft konkrete Perspektiven für junge und ältere, am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen in der Region.“ Für Markus Comploj war dies Grund genug für eine Revitalisierung der alten Villa. Die historische Substanz blieb erhalten, gleichzeitig entstanden moderne, helle Verkaufs- und Arbeitsräume.





