“Ich bringe die Kühe zur Welt, aber nicht zum Metzger” – Julia ist Kuhhebamme, Katzen sind ihr Personal

Tagsüber in der Strafabteilung der Bezirkshauptmannschaft – und nachts im Stall, wenn die Kühe kalben. Julia begleitet Tiere mit Globuli ins Leben und hält tagelang Geburtswache.
Darum geht’s:
- Julia Hasch ist Kuhhebamme und überwacht Nachtgeburten im Stall.
- Umstellung auf Mutterkuhhaltung, Kälber übernehmen Melkarbeit selbst.
- Empathische Tierbehandlung, Ausbildung im Tiergesundheitsdienst.
Göfis Wenn Julia Hasch in den Stall geht, dann oft nachts. Zwischen 22.00 und 6.00 Uhr schaut sie im Stundentakt nach ihren Kühen. “Von September bis April ist nämlich Geburtenzeit”, sagt die Göfnerin. Und wenn eine Kuh seit Stunden in den Wehen liegt, dann zählt jede Minute. Damit es mit der Hebammen-Aufsicht ein bisschen leichter wird, hat sich Julia im Büro ein Panoramafenster einbauen lassen. So kann sie direkt in den Stall blicken und ihre Kühe beobachten. “Das ist genial”, schwärmt die Landwirtin.

Die Kälber sind die besten Melkmaschinen
Am Bio-Bauernhof hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Die Milchwirtschaft haben Julia und ihr Mann Andreas aufgegeben. “Wenn du einem normalen Beruf nachgehst, ist das nicht mehr rentabel. Du musst morgens und abends melken.” Heute übernehmen das die Kälber selbst. Der Betrieb ist auf Mutterkuhhaltung umgestellt – seit vielen Jahren, Schritt für Schritt gewachsen.

Aktuell leben sieben Mutterkühe mit ihren Kälbern am Hof, dazu zwei Rinder und – ausnahmsweise – ein Stier. Außerdem gibt es Schweine und rund 50 Hennen. Die Eier werden direkt vermarktet, das Fleisch über regionale Metzger verarbeitet. “Wir lassen schlachten und zu Paketen schnüren. Überschaubar, regional, bewusst.”

Jedes Tier hat einen Namen
Besonders nahe geht Julia Hasch die Zeit der Geburten. Sie führt einen Trächtigkeitskalender, notiert die letzte Brunst, rechnet neun Monate weiter – fast wie bei Menschen. “Was ich beobachtet habe: Die, die früher kommen, sind meist weiblich. Die, die sich Zeit lassen, männlich”, sagt sie und lacht.
Globuli helfen bei Verletzungen und lindern den Schmerz
Wenn es losgeht, wird die Kuh unruhig, das Euter schwillt an, sie stellt den Schwanz hoch, reibt sich an der Wand. Dann kommt sie in einen abgetrennten Bereich – “unser Kreißsaal”. Manche Geburten dauern vier bis sechs Stunden, bei Erstkalbinnen auch zwölf. Manchmal muss Julia mithelfen. “Wenn du im Geburtskanal steckst und alles runterdrückst, ist das nicht lustig.” Aber wenn das Kalb nach einer halben Stunde aufsteht und trinkt, ist alles vergessen.

Was sie nicht kann: die Tiere zum Metzger begleiten. “Ich kann nicht nachts Wache halten, ihnen ins Leben helfen – und zwei Jahre später beim Abholen dabeistehen.” Das übernimmt ihr Mann. Der Kreislauf des Lebens sei natürlich, sagt sie. Aber Empathie lasse sich nicht abschalten.
Ständige Weiterbildung im Mittelpunkt
Als Biobetrieb setzt die Familie auf möglichst schonende Behandlung. Julia Hasch ist ausgebildet im Tiergesundheitsdienst und besucht regelmäßig Kurse. Sie arbeitet unter anderem mit homöopathischen Mitteln. “Bei schweren Geburten gibt’s Arnica, bei Quetschungen oder Verstauchungen auch. Wir haben gute Erfahrungen gemacht.” Antibiotika sei das letzte Mittel, nicht das erste.
Im Sommer gehen die Tiere auf die Alpe – die Kälber nach Satteins, die Mutterkühe ins Montafon. Im Herbst wird entschieden, wer bleibt und wer geschlachtet wird. Weibliche Tiere werden meist behalten, männliche kastriert oder weitergegeben. Landwirtschaft ist hier keine Idylle, sondern ein durchdachter Kreislauf.

Und mittendrin: Julia Hasch, die nebenbei 40 Prozent bei der Bezirkshauptmannschaft Bregenz arbeitet. Homeoffice macht vieles möglich, aber einfach ist es nicht. “Es ist stressig.” Morgens beginnt ihr Tag zwischen fünf und sechs Uhr. Arbeit, Stall, Kind, Hausaufgaben, Kochen – alles hat seinen Platz. Während der Geburtenzeit wird der Schlaf zur Nebensache.
Seit 30 Jahren lebt Julia mit Multipler Sklerose. “Körperlich könnte ich manche Arbeiten nicht mehr machen.” Heuen oder schwere Maschinen bedienen geht nicht. Füttern, bei Geburten helfen, versorgen – das schon. “Ich bin gut eingestellt, seit zehn Jahren stabil. Wir hoffen, dass es so bleibt.”
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