Musik aus Venedigs Waisenhäusern

Farbiger Saisonauftakt von Concerto Stella Matutina.
Götzis Zum Auftakt der neuen Konzertsaison setzte Concerto Stella Matutina einen dezidiert weiblichen Akzent: Die Waisenhäuser der Republik Venedig waren jahrhundertelang die einzigen Institutionen, in denen begabte Mädchen eine gediegene musikalische Ausbildung und Auftrittsmöglichkeiten als Musikerinnen erhielten; ihre Konzerte waren europaweit berühmte Attraktionen. Unter dem Motto “Zu Besuch im Ospedale della Pietà in Venedig”, dem bekanntesten der Waisenhäuser, weil Vivaldi dort jahrzehntelang als Lehrer wirkte, erklangen vergangenen Samstag in der Kulturbühne Ambach in Götzis Werke von Komponisten, die für die Ospedali komponiert hatten, und einer Komponistin, die dort ausgebildet worden war. Eine bestechende Programmidee, die dadurch noch reizvoller wurde, dass als Solistin eine musikalische Dreifachbegabung auftrat: die aus Ungarn gebürtige, international renommierte Bettina Simon, sowohl Virtuosin auf Blockflöte und Barockoboe als auch ausgebildete Barocksängerin – eine Kombination, die man nicht oft findet.

Der Abend begann mit einer schwungvollen Sinfonia in C-Dur von Antonio Caldara, deren einleitendes Allegro mit festlichen Trompeten so mitreißend gespielt wurde, dass es schon nach diesem Satz spontanen Applaus gab. Vor dem blauen Hintergrund der Bühne erschien dann Bettina Simon in einem blauen Abendkleid: Mit markanten Orchesterschlägen begann Vivaldis Konzert “La Notte”, kontrastreich musiziert, mit abenteuerlich rasanten Girlanden und expressiv gestalteten Phrasen der manchmal etwas leisen Blockflöte, geheimnisvollen Harmonien im Largo und virtuosen Läufen des Konzertmeisters David Drabek. Eine sehr reizvolle Entdeckung war das fast wie ein früher Mozart oder Haydn klingende Streichquartett in F-Dur von Maddalena Lombardi Sirmen, dessen vier kurze, charaktervolle Sätze von David Drabek und Susanne Mattle (Violinen), Lucas Schurig-Breuß (Viola) und Thomas Platzgummer (Cello) elegant phrasiert und plastisch gestaltet wurden.

Etwas enttäuschend war Simons erste Arie aus der Vivaldi-Oper “Griselda”, da ihre Stimme zwar schön klang, aber zu leise und ausdrucksarm war. Besser, mit virtuosen Koloraturen, aber immer noch etwas kraftlos, klang die hochdramatische Arie aus Vivaldis “L’Olimpiade”, mit rasanter Orchesterbegleitung.

Nach einer aufgewühlten Sinfonia von Benedetto Marcello war Simon dann mit der Barockoboe in ihrem Element: Das bekannte Konzert in d-Moll von Alessandro Marcello blies sie mit expressivem Ton im Adagio und souveränen Läufen im Allegro. Und als sei dadurch der Bann gebrochen, klang ihre Stimme in der Arie “Cor di padre” von Francesco Gasparini viel kräftiger, zudem produzierte sie sich hier auch noch gemeinsam mit Bar Zimmermann in rasenden Läufen auf der Blockflöte, kontrastiert mit ebenso rasanten Violinfiguren von David Drabek. Zu einem Höhepunkt wurde – nach einer Sinfonia von Antonio Lotti – eine virtuos gesungene Arie aus Porporas Oper “Siface”, mit spritzigen Streichern und schmetternden Hörnern in der das wildbewegte Meer imitierenden Orchesterbegleitung. Nun verstand man, warum Andreas Scholl diese Oboistin und Flötistin förderte, die Gesang zuerst nur im Nebenfach betrieben hatte.

Als stimmungsvolle, melancholische Zugabe sang Simon schließlich Claudio Monteverdis “Lamento della ninfa”, die männlichen Orchestermitglieder bildeten den Begleitchor. Standing Ovations für ein Konzert mit einem abwechslungsreichen Programm und einer vielseitigen Solistin, das das Orchester in exzellenter Form zeigte – und mit gewohnt launiger Moderation durch Thomas Platzgummer. Ulrike Längle