Musizierende Engel eröffnen neue Saison

Kultur / 10.03.2026 • 11:18 Uhr
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Lilli Löbl

Concerto Stella Matutina startet mit einem Besuch im Ospedale della Pietà in Venedig.

Götzis Mit einem Blick in eine außergewöhnliche Musikgeschichte eröffnet das Vorarlberger Barockorchester Concerto Stella Matutina seine Saison am Freitag und Samstag in der Kulturbühne AMBACH in Götzis. Unter dem Titel „Zu Besuch im Ospedale della Pietà in Venedig” widmet sich das Ensemble einem lange im Schatten stehenden Kapitel der Musikgeschichte, das seiner Zeit jedoch weit voraus war: den hochprofessionell ausgebildeten Musikerinnen in den venezianischen Waisenhäusern des 17. und 18. Jahrhunderts.

Hinter Gittern

Über Jahrhunderte hinweg galt Musik als Domäne der Männer. Öffentliche Auftritte von Frauen waren gesellschaftlich kaum akzeptiert. In Venedig jedoch entstand eine bemerkenswerte Ausnahme. In den vier Ospedali der Lagunenstadt erhielten verwaiste oder ausgesetzte Mädchen eine umfassende musikalische Ausbildung. Hinter Gittern musizierend und für das Publikum unsichtbar, erlangten sie dennoch europaweiten Ruhm. Reisende, Diplomaten und Gelehrte strömten in die Kirchen der Ospedali, um die außergewöhnliche Qualität dieser Ensembles zu erleben. Der französische Schriftsteller Charles de Brosses zeigte sich 1739 tief beeindruckt von der Virtuosität und Präzision der jungen Musikerinnen.

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Bettina Simon tritt als Sopranistin, Barockoboistin und Blockflötistin gleichermaßen in Erscheinung.Damian Posse

Vor allem das Ospedale della Pietà entwickelte sich zu einem Zentrum musikalischer Exzellenz. Antonio Vivaldi wirkte dort über Jahrzehnte als Lehrer, Violinvirtuose und Komponist. Für seine Schülerinnen schrieb er zahlreiche Konzerte und geistliche Werke, die bis heute zum Kernrepertoire des Barock zählen. Doch die Pietà war nur eine von vier bedeutenden Institutionen. Auch das Ospedale degli Incurabili, das Ospedale di Santa Maria dei Derelitti und das Ospedale di San Lazzaro dei Mendicanti prägten das Musikleben Venedigs nachhaltig. Komponisten wie Francesco Gasparini, Nicola Porpora oder Antonio Lotti unterrichteten dort und formten Generationen von Musikerinnen.

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Maddalena Lombardi Sirmen ist eine von vielen hochbegabten Frauen, die aus diesem Umfeld hervorgingen. Sie konzertierte später europaweit und trat selbst als Komponistin hervor. Ihr Lebensweg belegt, dass die Ospedali nicht nur soziale Einrichtungen, sondern auch Ausbildungsstätten von europäischem Rang waren, in denen weibliche künstlerische Eigenständigkeit möglich wurde. Das Concerto Stella Matutina lässt diese besondere Atmosphäre nun in Götzis wieder aufleben. Im Mittelpunkt steht Bettina Simon, die als Sopranistin, Barockoboistin und Blockflötistin gleichermaßen in Erscheinung tritt. Wie einst die Musikerinnen der Ospedali vereint sie Gesang und Instrumentalspiel. Die Ungarin, die an der Hochschule für Musik und Tanz Köln unterrichtet, gilt international als Spezialistin für Alte Musik und lässt an diesem Abend drei Klangfarben erstrahlen. Geleitet wird das Konzert von Thomas Platzgummer. Für CSM-Manager Bernhard Lampert ist das Programm zum Saisonstart ein bewusstes Signal: Es erzähle von Innovationskraft und künstlerischer Qualität und erinnere daran, wie aktuell Fragen nach Sichtbarkeit und Chancengleichheit bis heute sind.