Seit 1973 im Einsatz: Günther Groß hat die Gletscher wachsen sehen – und dokumentiert heute ihr Verschwinden

Seit über fünf Jahrzehnten misst der 77-Jährige die Gletscher der Silvretta. Seine Daten zeigen: Der Rückgang hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt.
Thüringerberg „Mittlerweile sind die meisten Gletscher tot und schmelzen dahin, der eine früher, der andere später.“ Seit 53 Jahren misst Günther Groß die Gletscher in der Silvretta. Der Thüringerberger ist mittlerweile 77 Jahre alt und verfasst noch immer den jährlichen Gletschermessbericht. Unterstützt wird er von seiner Frau Luise, seinem Sohn Johannes und Anna Hecht. Im September geht er wieder ins Hochgebirge und vermisst die verbliebenen Gletscher.

1973 war ein Jahr, in dem der Ochsentaler Gletscher noch wuchs. „Man sah ihm an, dass er gesund war, dass er genährt wurde.“ Bis 1987 wuchs er, dann stagnierte er, und ab 1990 zog er sich zurück. In den vergangenen zehn bis 20 Jahren hat sich der Rückgang deutlich verstärkt. Der Jamtalferner schmilzt mit 40 Metern pro Jahr am schnellsten und ist mittlerweile in mehrere Teile zerfallen. „Es tut weh, wenn man die Gletscher schon so lange betreut“, sagt Groß.

Günther Groß studierte Geografie und Geschichte auf Lehramt in Innsbruck. Als Student wurde er als Helfer im Gebirge eingesetzt. Später begann er, die Gletscher zu inventarisieren, und übernahm 1973 die Gebirgsgruppen Silvretta und Stubaier Alpen. „Man wächst nicht zufällig da hinein, sondern man braucht Wissen“, sagt Groß.

Messen ohne Risiko
Im September kontrolliert er die Messpunkte an den Gletschern. Diese werden mit roter Farbe markiert und müssen im 180-Grad-Winkel zur Fließrichtung des Gletschers angebracht sein. Mit einem Entfernungsmessgerät wird nach einem Jahr die Distanz zum Eis gemessen. Ein Gletscher hat mehrere Messpunkte, die Ergebnisse werden gemittelt, sodass Groß den durchschnittlichen Rückgang berechnen kann. Für die Messungen geht er kein Risiko ein. „Wir lassen die Messung auslaufen, wenn es objektiv zu gefährlich wird.“ Groß notiert die Daten und hält die Entwicklung fotografisch fest, immer vom gleichen Standpunkt aus.

Der Ochsentaler Gletscher verlor besonders 2019 stark an Volumen, als ein großes Stück abbrach. Die Steilstufe mit dem Gletscherbruch ist jetzt größtenteils aper. Nun liegt der Gletscher auf dem oberen Plateau etwas geschützter. „Der Rückgang ist nicht mehr so stark, da oben dickeres Eis herrscht.“ Der Ochsentaler Gletscher wird wohl am längsten bestehen – und als letzter in Vorarlberg verschwinden.

In der Silvretta sind in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Gletscher verschwunden, darunter der Plattengletscher und der Hochmaderer Gletscher. Der Klostertaler Gletscher ist in drei Teile zerfallen, der südliche Teil bereits vollständig abgeschmolzen. Wenn Felspartien ausapern, heizen sie sich stärker auf und lassen das umliegende Eis noch schneller schmelzen. Auch Geröll und Schutt auf den Gletschern beschleunigen diesen Prozess.

Vegetation kommt rasch zurück
Die Gletscher in Österreich verlieren massiv an Länge, Fläche und Volumen. 94 von 96 beobachteten Gletschern ziehen sich zurück. Das ist die alarmierende Bilanz des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins. Die Vegetation erobert diese Gebiete jedoch rasch zurück, meint Groß. Das Landschaftsbild wird sich verändern. Wege müssen neu verlegt werden, möglicherweise wird es auch gesperrte Bereiche geben, doch die Bergwelt bleibt zugänglich.

Der Gletscherschwund ist nicht mehr aufzuhalten. „Wenn wir jetzt reagieren und der Erwärmung entgegenwirken, wird es für uns Menschen reichen, aber nicht mehr für die Gletscher.“ Auch 2026 wird sich das Abschmelzen fortsetzen. Wie viele Meter es sein werden, zeigt sich im September, wenn der 77-Jährige die weiten Zustiege auf sich nimmt, um dem nicht mehr ewigen Eis beim Sterben zuzusehen.
