„Die Herzwetter der Angst“

Aufwühlendes Konzert mit Werken von Floredo, Reger und Bach in St. Martin Dornbirn
Dornbirn „Seine Musik ist absolut genial gemacht, durchdacht und weit weg von Beliebigkeit. Das ernst zu nehmen und mich wirklich intensiv damit zu befassen, das Verdienst schreibe ich mir zu. Gewisse Stellen technisch zu treffen, ist Glückssache. Es bringt jeden Organisten an Grenzen. Genau das reizt mich.“ So der Vorarlberger Ausnahmeorganist Jürgen Natter in einem Gespräch über das Orgelstück „Nacht“ von Michael Floredo (*1967). Werke dieses bedeutenden zeitgenössischen Vorarlberger Komponisten standen neben Kompositionen von Reger und Bach im Mittelpunkt eines Konzertes unter dem Motto „Zwischen Himmel und Erde“ letzten Samstag in St. Martin in Dornbirn. Was dabei entstand, war ein Gesamtkunstwerk von intensivster Wirkung, das zum Schluss mit lautem Jubel und stehenden Ovationen bedacht wurde. Erfreulich, dass bei einem so anspruchsvollen Programm mit vorwiegend neuer Musik so viel auch junges Publikum, an die 200 Personen, nach St. Martin gefunden hat.
Behmann-Orgel
Nach Regers einleitender mächtiger Toccata in d-Moll, op. 129/1, erklang attacca mit Floredos „Nacht“ (2002) ein technisch extrem schweres, existentiell aufwühlendes Werk, das Natter als einziger Organist überhaupt jemals vollständig öffentlich gespielt hat. Ursprünglich ohne Titel, hat Robert Schneider nach der Uraufführung ein Gedicht „zur nacht – erste preisung“ dazu geschrieben, das im Programmheft abgedruckt war und aus dem die Zeile „Die Herzwetter der Angst“ stammt. Natter spielte dieses extrem zerrissene Werk mit seinem Wechsel von brutalen Clusterballungen und ruhigeren Partien so, dass nicht nur durch den Einsatz der verschiedensten Register der Behmann-Orgel die unterschiedlichsten Klangfarben entstanden, es gelang ihm auch, die existentielle Tiefe dieses Werkes zu vermitteln. Der Musiker ist nach dreijähriger Pause vor zwei Jahren wieder in den Konzertbetrieb zurückgekehrt und in dieser Zeit zu einer künstlerischen Reife gelangt, die man nur mehr als meisterhaft bezeichnen kann.

Mit einem celloähnlich klingenden Orgelton ging „Nacht“ nahtlos über in die Uraufführung von Floredos „Meditation” in memoriam Carl Lampert (2026), einem ruhigen, erhabene Klage und Trauer verströmenden Werk für Violoncello solo mit weitausschwingenden Melodien, das Isabella Fink mit ihrem expressiven und zugleich gelassenen Spiel bewegend aus der Taufe hob, ab und zu vom Glockenregister der Orgel untermalt. In Floredos „Liebeslied” aus den Psalmen Salomons (1996) wie in seinen „Kreuzwegstationen“ (2016), einer sehr eindrucksvollen kondensierten Passionsmusik, überzeugte die aus Hongkong stammende Sopranistin Coco Lau sowohl mit intensiver Gestaltung als auch mit Stimmkraft, wenn sie sich in den eruptiven Ausbrüchen der Passion gegen Schlagwerk (souverän Markus Lässer) und Orgel durchsetzte. Zwischen und nach den beiden Vokalwerken spielte Natter Choräle von Bach, dessen Geburtstag an diesem Tag war: „Wenn wir in höchsten Nöten sein“, BWV 641, klang mit seiner feinziselierten Oberstimme fast modern, wie ein am Himmel verzweifelnd umherirrender Stern. In „Oh Mensch, bewein dein‘ Sünde groß“, BWV 622, auf der kleinen Chororgel gespielt, verlieh Natter durch Einsatz des Tremulanten der Hauptstimme eine unerhört eindringliche tröstliche Innigkeit. Zum Abschluss setzte sich Meister Floredo selbst an die große Orgel, in einer lichten, virtuos wabernden Improvisation, die klang wie das Aufrauschen gewaltiger Flügel, mit einem Zitat der Melodie von „Bruder Jakob“ und Glockentönen, die nach all den vorhergehenden Leiden an Ostern denken ließen.
Ulrike Längle