Kommentar: Wie sieht ein Täter aus?

Ein schräger Typ, ein lustiger Schüttler mit Durchsetzungsproblemen im Leben, aber sympathisch: Dieses Image, das er auch in manchen seiner Rollen auslebte, pflegte der einstmalige deutsche MTV-Moderator, Produzent und Schauspieler Christian Ulmen. Er äußerte sich gerne zu Gleichberechtigung und sagte etwa in einem Interview mit der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat.“ Seit vergangener Woche ist es vorbei mit diesem Image des Bilderbuchmannes. Ulmens Ex-Ehefrau, die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes, hatte zunächst im „Spiegel“ schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben: Demzufolge soll Ulmen jahrelang gefälschtes sexuelles Bildmaterial von ihr im Netz verbreitet, dort gegenüber Männern ihre Identität angenommen und ihnen im Namen von Fernandes sexuelle Avancen gemacht haben.
Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Fernandes spricht von „digitaler Vergewaltigung” und erstattete laut „Spiegel“ Anzeige gegen ihren Ex-Partner. Die Rechtsvertretung des Schauspielers gab bekannt, dass es sich beim Artikel des Nachrichtenmagazins um „unzulässige Verdachtsberichterstattung“ handle, gegen die rechtliche Schritte eingeleitet würden. Eine höchst verstörende Geschichte, die auch offenbart, wie schwer sich viele mit der Vorstellung tun, wie denn ein mutmaßlicher Täter aussieht. Denjenigen, die ihre Abgründe rücksichtslos ausleben, sieht man das oft gar nicht an. Sie sind meist keine Monster, die Frauen in dunklen Straßen auflauern, sondern vielfach Männer aus dem Umfeld der Opfer.
Mein Freund, ein Täter?
Der deutsche Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, seit 30 Jahren mit Ulmen befreundet, distanzierte sich am Wochenende in einem Statement von ihm: „Mit meinem Freund Christian konnte ich das ihm vorgeworfene entwürdigende Verhalten zwar überhaupt nicht zusammenbringen, ich muss das aber jetzt tun, das ist die Lage.” Den Satz „Das kann ich mir nicht vorstellen“ müssten sich vor allem Männer abgewöhnen und endlich anerkennen, welche Gefahr von ihrem Geschlecht ausgehen könne: „Und dass die Täter eben nicht nur irgendwelche düsteren Gestalten aus Statistiken sind, sondern dass darunter auch Menschen sind, die wir bewundern oder lieben.” Keine neue Erkenntnis, aber immerhin ein Verstehen.
Bei allem Entsetzen über mutmaßliche Täter sollte man in erster Linie daran denken, wie man Menschen davor bewahren kann, zu Opfern von Gewalt zu werden; und die Opfer unterstützen, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Es geht um einen schonungslosen Blick auf unsere Gesellschaften, in denen Machtverhältnisse nicht in Balance sind und Frauenverachtung nach wie vor akzeptiert wird.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.