Blank zur mündlichen Matura? Das bleibt weiter kein Problem

Die Verschiebung der Reform zur mündlichen Matura durch den Bildungsminister löst kontroverse Diskussionen aus.
Schwarzach, Wien Freddy Wittwer (48), Mathematik-Professor am BG Bludenz und Lehrergewerkschafter, übt sich in Galgenhumor. “Da kann mir passieren, dass ich dem Prüfling eine fachbezogene Frage stelle, und der fängt plötzlich an, mir etwas über den Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Macht nichts. Er kommt durch, weil er bei der Maturanote insgesamt auf drei steht und an der mündlichen Maturaprüfung teilgenommen hat. Egal wie. Ich muss ihn die Reifeprüfung bestehen lassen.”

Doch keine Mindestquote
Was Wittwer mit diesem Beispiel unmissverständlich zum Ausdruck bringen will: “Es ist falsch, dass Bildungsminister Christoph Wiederkehr die angekündigte Reform der mündlichen Matura, nach welcher der Prüfling dort eine Mindestquote zu erfüllen hat, doch nicht gleich umsetzt. Dadurch wird die Prüfung zur Farce – wenn der Kandidat das so will.” Glücklicherweise würden die Schüler das, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht machen. “Von 300 bis 400 mündlichen Maturaprüfungen an unserer Schule liegen derartige Fälle im einstelligen Bereich.” Die Matura würde jedoch allein durch die Möglichkeiten eines solchen Verhaltens in ihrer Qualität abgewertet, meint der Mathematik-Professor.

Kritische Stimmen
Auch Gebhard Steiner (62), profilierter Englischlehrer am BRG/BORG Dornbirn Schoren und Mitentwickler der Zentralmatura in seinem Fach, stößt ins selbe Horn. “Ich hätte Wiederkehrs Reformschritt und dessen sofortige Umsetzung begrüßt. Durch die derzeit geltende Regelung sinken die Anforderungen, Spekulationen sind möglich.” Steiners Meinung nach werden die Fächer Deutsch und Englisch als Fächer mit Durchfallpotenzial künftig mehr in den Mittelpunkt rücken. “Weil etwa in Englisch das Textverständnis immer mehr nachlässt und in Deutsch die Textproduktion.”
Nicht in dieselbe Kerbe wie seine Kollegen schlägt Michael Weber (61), Direktor der HAK Feldkirch. “Es ist nicht so, wie vielleicht viele meinen. Prüflinge haben bei der mündlichen Matura natürlich so mitzuwirken, dass sie nicht themenfremd irgendetwas auftischen. Tun sie das, können sie schriftlich sogar ein Sehr gut haben, aber fliegen trotzdem bei der Matura durch.”

Schulsprecherin versteht Minister
Josefine Müller (18), Landesschulsprecherin für die AHS, begrüßt Christoph Wiederkehrs temporären Rückzieher von der Reform ausdrücklich. “Das ist einfach nur gerecht. Man kann nicht während eines Schuljahres neue Regeln für die Matura aufstellen. Man muss dabei ja auch beachten, dass es für die Kandidatinnen und Kandidaten des heurigen Sommertermins ungerecht gegenüber jenen wäre, die schon im vergangenen Herbst Matura-Vorprüfungen nach dem alten System absolviert haben.”

Es bleibt also vorläufig dabei: Wer im Jahreszeugnis keine schlechtere Note als einen Dreier hat und bei der schriftlichen Matura 30 Prozent der Punkte erreicht, muss damit auch heuer bei der mündlichen Matura bloß “mitwirken”. Die Antworten müssen nur im Zusammenhang mit der Frage stehen, richtig sein müssen sie nicht.
Minister Wiederkehr will eine Verschärfung der Richtlinien für die mündliche Matura jetzt doch nur im Rahmen eines Gesamt-Reformpakets beschließen. Spätestens für den Maturajahrgang 2027 sollen diese dann gelten.