Im Dialog mit Lesern: Haller analysierte vor ausverkauftem Saal

VN-Kommentator Haller sprach über Psyche von Politikern und dem Verlust der Empathie.
Götzis Die VN-Kommentatorenreihe im Bildungshaus St. Arbogast ging am Mittwochabend in die vierte Runde. Diesmal begrüßte Moderator und VN-Politikchef Michael Prock den renommierten Gerichtspsychiater und ehemaligen Primar des Krankenhauses Maria Ebene, Reinhard Haller. Gemeinsam mit Hausherr Daniel Mutschlechner lud er das Publikum zu einem regen Austausch ein.
Politiker sind auch nur Menschen
Bereits vor 20 Jahren stellte Haller in seinem ersten Kommentar die Frage, ob Politiker auch nur Menschen sind, eine Frage, die er am Mittwochabend erneut bejahte. „Politiker haben es nicht leicht. Wir projizieren unsere schlechten Befindlichkeiten auf sie. Doch auch sie haben genau dieselben Schwierigkeiten wie wir“, erklärte er. Ständige Beschimpfungen führen seiner Meinung nach dazu, dass immer weniger Menschen den Weg in die Politik wählen.
Narzissten und schwindende Empathie
Aus seiner beruflichen Perspektive beobachtet Haller eine Zunahme narzisstischer Persönlichkeiten in Führungspositionen weltweit. Besonders hob er Donald Trump hervor, der seiner Ansicht nach keine Fehler eingestehen kann. Das größte gesellschaftliche Problem sieht Haller jedoch im Schwinden der Empathie: „Wir betrachten Menschen nicht mehr ganzheitlich, sondern unterscheiden sie nach Parteizugehörigkeit, Geschlecht oder Corona-Status.“ Dies führe zu Spaltung und Intoleranz. Er betonte die Bedeutung von Meinungsvielfalt und sachlichem Diskurs: „Man kann sachlich miteinander diskutieren und danach trotzdem als Freunde auseinandergehen.“
Zunahme psychischer Erkrankungen?
Ein Zuhörer wollte wissen, ob psychische Erkrankungen tatsächlich zunehmen. Haller erklärte: „Wir legen mehr Wert auf den psychischen Bereich, er ist uns wichtiger geworden, allerdings überpathologisieren wir jede Auffälligkeit als psychische Störung.“ Während körperliche Krankheiten abnehmen, nehmen psychische Erkrankungen zu. Laut Haller wird Depression bis 2050 die häufigste Krankheit sein. Besonders bei Kindern beobachtet er, dass viele, denen ADHS oder Hyperaktivität attestiert wird, vor allem an einem Mangel an „Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit“ leiden. Ein ausgewogenes Maß an diesen drei Faktoren sei entscheidend für die Entwicklung psychisch gesunder und selbstbewusster Kinder. Auch das persönliche Gespräch sei für die psychische Gesundheit wichtig, stehe jedoch zunehmend in Konkurrenz zu neuen Kommunikationsformen wie Fernsehen und sozialen Medien.
Aggression und Gewalt: Ursachen und Prävention
Zur Frage, wie es zu Femiziden kommen kann, erläuterte Haller, dass etwa 80 Prozent der Täter als schüchtern und unauffällig gelten. Ein bestimmter Auslöser könne das Aggressionspotenzial freisetzen. Für eine wirksame Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen müsse auch der Täter stärker in den Blick genommen werden. Viele Täter fühlten sich nicht mehr wertgeschätzt oder geliebt. „Männer sollen Schwächen zeigen dürfen und über Probleme reden. Das würde viel Druck aus dem Aggressionsventil nehmen“, betonte er. Wertschätzung sei zentral für das menschliche Miteinander, ein Thema, das er in seinem erfolgreichen Buch „Das Wunder der Wertschätzung“ behandelt. Aktuell präsentierte Haller sein neuestes Werk zum Thema toxisches Schweigen und nahm sich im Anschluss Zeit für Buchsignierungen und Fotos mit den Gästen.
Weitere Termine der VN-Kommentatorenreihe
Die nächsten Veranstaltungen der VN-Kommentatorenreihe in St. Arbogast stehen bereits fest: Am 6. Mai diskutiert der Verfassungs- und Verwaltungsjurist Peter Bußjäger, am 24. Juni folgt Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle. BVS