Wenn alle Illusionen platzen

VN / 28.03.2026 • 07:38 Uhr
Aus dem Jahr 1055 stammt dieser Palmesel, den das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich 1893 aus Steinen im Kanton Schwyz angekauft hat. Er gilt als die älteste schweizerische Darstellung von Jesus, der auf dem Esel in Jerusalem einreitet. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Figur in der Palmsonntagsprozession feierlich in die Kirche gezogen. (Foto: Thomas Matt)
Aus dem Jahr 1055 stammt dieser Palmesel, den das Schweizerische Nationalmuseum in Zürich 1893 aus Steinen im Kanton Schwyz angekauft hat. Er gilt als die älteste schweizerische Darstellung von Jesus, der auf dem Esel in Jerusalem einreitet. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Figur in der Palmsonntagsprozession feierlich in die Kirche gezogen. (Foto: Thomas Matt)Thomas Matt

Der Palmsonntag erzählt vom Empfang Jesu in Jerusalem – das Kreuz wartet im Hintergrund.

Bregenz Auch wenn die Kirchen unterm Jahr mancherorts schütter besucht sind, am Palmsonntag füllen sich die Reihen. Was macht den Sonntag am Eingang zur Karwoche so beliebt? Ein Feiertagsporträt in sieben Fragen und Antworten.

Was macht den Kern des Palmsonntags aus? Die Bibel berichtet, dass Jesus am Palmsonntag auf einem Esel nach Jerusalem geritten ist, um dort das jüdische Pessachfest zu feiern. Die Menschen jubelten ihm zu. Daran erinnert der Palmsonntag bis heute.

Warum auf einem Esel? Galt dieser Jesus vielen Menschen nicht als der Messias, als Erlöser der Welt? Das Bild wirkt ungewöhnlich: Jesus reitet nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel in die Stadt, wie ein Bauer oder Händler. Zu seiner Zeit war der Esel ein alltägliches Transportmittel und symbolisierte friedliche Zeiten. Der Ritt auf einem Pferd hätte Macht und Kampfbereitschaft signalisiert. Jesus trat jedoch als bescheidener Friedenskönig und Fürsprecher der Armen auf.

Warum jubelten die Menschen mit Palmzweigen? Der biblischen Erzählung zufolge legten die Menschen in Jerusalem die Palmzweige auf den Boden, damit der Esel mit Jesus nicht im Staub laufen musste. Palmzweige gelten als Zeichen des Sieges und der Verehrung. Für die Prozessionen am Palmsonntag werden bei uns oft Buchsbaumzweige, Weidenkätzchen oder Palmbuschen verwendet und im Gottesdienst gesegnet.

Was passiert mit den Zweigen nach dem Fest? Viele Gläubige stecken die Palmbuschen zuhause hinter das Kreuz an der Wand. Die Palmbuschen, die in den Kirchen bleiben, werden für den Gottesdienst am Aschermittwoch im kommenden Jahr verbrannt. Mit dieser Asche zeichnet der Priester dann das Aschenkreuz auf die Stirn der Gläubigen zum Zeichen ihrer Vergänglichkeit.

Die Menschenmenge ruft Jesus in Jerusalem das Wort „Hosanna“ zu. Was heißt das eigentlich? Das ist ein uraltes Wort. Es stammt aus dem aramäischen „hoscha’ na“ (hebräisch „hoschi’ a na“) und bedeutet so viel wie „hilf doch“ und „sende Heil!“. Das Wort steht im Psalm 118. Die Juden beten diesen Psalm in der Pessach-Liturgie, die zur Zeit Jesu im Jerusalemer Tempel gefeiert wurde. Da Jesus zum Pessachfest nach Jerusalem gekommen war, bezogen die Menschen diesen sehnlichen Gebetsruf offenbar auf ihn und erwarteten durch ihn die Hilfe Gottes.

Warum rief dieselbe Menge wenige Tage später „Kreuzige ihn“? Das Volk ist wankelmütig. Die bekannte Benediktinerin der Abtei Kellenried bei Ravensburg, Charis Doepgen, hat darüber ein Gedicht geschrieben. Es heißt „Begeisterung“. Darin betont sie, wie leicht der Jubel fällt, „wenn alle jubeln, mitlaufen, wenn das Risiko klein ist“. Aber „wenn die Ankläger das Wort ergreifen, schlägt die Stunde der Wahrheit. Wo stehe ich dann?“ Und sie kommt zu dem Schluss: „Nach dem Kreuzweg, nach dem Grab, nach dem Ende aller Illusionen hat Gott das letzte Wort: Auferstehung.“

Sind das jüdische Pessach und das christliche Ostern dasselbe? Pessach und Ostern laden zum Nachdenken über die Beziehung von Judentum und Christentum ein. Beide Feste finden ungefähr zur selben Zeit statt und thematisieren Befreiung, jedoch auf unterschiedliche Weise: Das jüdische Pessach erinnert daran, dass Gott das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei rettete und ins gelobte Land führte. Die österlichen Tage der Christen erzählen vom Einzug Jesu in Jerusalem (Palmsonntag) über das letzte Abendmahl, die Fußwaschung und das Gebet am Ölberg (Gründonnerstag), bis hin zu Leiden, Tod und Begräbnis (Karfreitag) und schließlich zur Auferstehung Jesu (Karsamstag und Ostersonntag).