Jetzt oder nie: Bregenz unter Druck

Zwei Spiele entscheiden über die Zukunft – Handball-Rekordmeister kämpft gegen historischen Absturz.
Bregenz Zwei Spiele, zwei Chancen – und ein Verein am Limit: Bregenz Handball kämpft heute gegen Graz und am Samstag in Hollabrunn um den Verbleib in der Beletage der HLA-Meisterliga.

Der Blick auf die Tabelle kennt keine Gnade. Was für viele Jahre undenkbar schien, ist plötzlich Realität: Rekordmeister Bregenz Handball droht in seiner 29. Saison erstmals der Gang in die Abstiegsrunde. Zwei Spiele bleiben, um das zu verhindern. Zwei Spiele, in denen nichts weniger als die sportliche Identität auf dem Spiel steht.
Erstes Finale vor der Finalserie
Heute (19.30 Uhr) gegen Graz, am Samstag (18.30 Uhr) beim Aufsteiger Hollabrunn – zwei Partien, die sich anfühlen wie Endspiele. Und selbst wenn beide gewonnen werden, ist die Rechnung noch nicht garantiert aufgegangen. „Es ist die Woche der Wahrheit“, sagt Neo-Trainer Michael „Schörle“ Roth. Seine Stimme klingt ruhig, aber in den Worten liegt Dringlichkeit. „Das ist sprichwörtlich das erste Finale vor der Finalserie für uns.“

“Nicht besser, sondern erfolgreicher machen”
Seit Anfang April steht Roth wieder an der Linie – nach drei Jahren Pause, zurück an einem Ort, der für ihn mehr ist als nur eine Station. Es ist eine Rückkehr mit Auftrag: Schaden begrenzen, das Worst-Case-Szenario verhindern.
Der 64-Jährige bringt Erfahrung mit, Titel, große Spiele – und die Fähigkeit, Mannschaften in schwierigen Momenten zu erreichen. „Ich bin nicht gekommen, um die Jungs besser zu machen, sondern um erfolgreich zu sein“, sagt er. Ein Satz, der hängen bleibt.
Beim 31:31 letzten Samstag in Schwaz war bereits zu erkennen, wohin die Reise gehen soll: mehr Stabilität, mehr Klarheit, mehr Widerstandskraft. Kein Glanz, kein Spektakel – sondern Punkte. „Wir müssen keinen Schönheitspreis gewinnen.“

In den ersten Trainingseinheiten setzte Roth dort an, wo es am meisten brannte: in der Defensive. Abstimmung, Kommunikation, Vertrauen – vor allem zwischen Mittelblock, Abwehr und Torhütern. Kleine Anpassungen, keine Revolution. Aber mit Wirkung. „Das Selbstvertrauen war tief im Keller“, sagt Roth offen.
Umso wichtiger sei es gewesen, schnell wieder Struktur und Sicherheit zu geben. Dass im Angriff Qualität vorhanden ist, habe ihn positiv überrascht. Nun soll die Balance stimmen.
Und vor allem: die Einheit. „Wir wollen zeigen, dass die Mannschaft funktioniert.“ Gegen Graz soll der nächste Schritt folgen – mit einem Faktor, der nicht in Statistiken messbar ist.

Die Botschaft ist klar: Bregenz braucht seine Fans. Laut, leidenschaftlich, von der ersten Sekunde an. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und brauchen jeden Fan in der Halle“, sagt Roth. Es ist kein taktisches Detail, sondern ein emotionaler Hebel. In solchen Spielen kann eine Halle kippen – oder tragen.
Was passiert, wenn? Welche Konstellationen sind möglich? Roth will davon nichts wissen. Noch nicht. „Diese Rechenbeispiele sind absolut fehl am Platz“, betont er. Der Fokus liegt ausschließlich auf der eigenen Aufgabe. Erst der Abpfiff zählt, dann der nächste Schritt. Eine Haltung, die Klarheit schaffen soll – in einer Situation, die von Unsicherheit geprägt ist.
„Noch ist alles möglich“
Dass die Liga in dieser Saison enger ist als je zuvor, sieht Roth nicht als Nachteil – im Gegenteil. Jeder Punkt zählt, jeder Verlust kann entscheiden. Aber genau darin liegt auch die Chance. „Noch ist nichts verloren“, sagt er. Und man spürt: Das ist keine Floskel. Es ist Überzeugung.

Für Roth selbst ist die Rückkehr an seine ehemalige Wirkungsstätte eine Herzensangelegenheit. „Ich bin ein Typ Trainer, der sich solchen Herausforderungen stellt.“ 110 Prozent will er geben, um das Maximum aus dieser Saison herauszuholen. Was bleibt, ist eine einfache, brutale Wahrheit: Es geht um alles. Oder nichts. Und genau deshalb beginnen heute vier Tage, die in Bregenz aus positiver Sicht niemand so schnell vergessen soll.