“Es laufen Ausrottungs-Kampagnen gegen den Wolf”

VN / 28.04.2026 • 16:31 Uhr
"Es laufen Ausrottungs-Kampagnen gegen den Wolf"
Für Prof. Kurt Kotrschal ist der Wolf ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Er spricht sich gegen das unlängst verabschiedete Vorarlberger Jagdgesetz aus. APA

Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal übt scharfe Kritik am Umgang von Gesellschaft und Politik mit dem Raubtier.

Schwarzach In Wald am Arlberg ist in der Nacht von Sonntag auf Montag ein Wolf gesichtet worden. Der Wolf durchstreifte das Dorf und verschwand danach wieder. Eines von mehreren Beispielen für die Präsenz von Meister Isegrim auch in Vorarlberg. Der zurückgekehrte Großräuber beschäftigt seit Jahren Politik und Gesellschaft. Ein neues Jagdgesetz ermöglicht die Jagd auf jene Individuen, die als gefährlich angesehen werden. Für den namhaften Wolfs-Experten und Verhaltensbiologen Kurt Kotrschal (73) sind das alarmierende Signale.

Wie nehmen Sie die derzeitigen Aktivitäten und Diskussionen rund um den Wolf in Österreich wahr?

Kotrschal Ich erachte sie als katastrophal. Sowohl auf europäischer als auch auf österreichischer Ebene. Es kommen sogar Ausrottungs-Kampagnen ins Gespräch. Diese Entwicklung ist besorgniserregend.

"Es laufen Ausrottungs-Kampagnen gegen den Wolf"
Im Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn wurden Wölfe für Forschungszwecke gezüchtet, die sehr zutraulich sind. APA

Aber ist es nicht nachvollziehbar, dass sich etwa Landwirte, deren Schafe durch den Wolf gerissen werden, scharfe Maßnahmen gegen den Räuber wünschen?

Ich kann die Emotionalität jener verstehen, denen Nutztiere durch Wölfe gerissen wurden. Aber eines ist sicher: Die Tötung eines Wolfes nützt da gar nichts. Das ist gegen jede Vernunft. Wird einer geschossen, ist der nächste sofort da. In Kärnten etwa werden die meisten Wölfe geschossen. Genauso gibt es dort die größten Verluste an Nutztieren durch den Wolf. Es stehen eine Fülle von Maßnahmen zum Schutz von Nutztieren zur Verfügung. Man muss halt das Knowhow darüber wieder aktivieren. Diese Maßnahmen reichen von Behirtung mit Hirtenhunden bis zu Schutzzäunen. Es gibt auch Geld dafür. Man muss es nur abholen. Auch in einer natürlichen Waldbewirtschaftung könnte der Wolf eine nützliche Rolle spielen.

Wie denn?

Indem er zum Beispiel bei der vorhandenen Rotwilddichte als Prädator in Erscheinung tritt, indem er den Bestand von Rotfüchsen und Goldschakalen zu regulieren hilft, indem er ein wichtiger Teil der Biodiversität wird. Ich sag’ das jetzt womöglich mit etwas Zynismus: Die paar Schafe, die man durch den Wolf verliert, sind nicht aufzuwiegen mit dem Nutzen, den er bringen kann.

Offensichtlich sind nicht viele Landwirte bereit, ihre Nutztiere durch Herdenschutzmaßnahmen vom Wolf zu schützen.

Ja. Aber wissen Sie, warum? Weil jene, die das tun, von den anderen geächtet werden. Der Wolf wird gesellschaftlich und politisch als Gefahr stigmatisiert.

Was sagen Sie zu den verschärften Jagdgesetzen, die eine Bejagung des Wolfs leichter machen?

Sie sind rechtswidrig. Sie stehen im klaren Gegensatz zu den FFH (Anm.: Flora-Fauna-Habitat)-Richtlinien der EU. Auch wenn der strenge Schutz des Wolfs nun herabgesetzt wurde. Im Gesetz heißt es: Er darf geschossen werden, wenn er Weidetiere gefährdet. Bitte! Welcher Wolf gefährdet denn Weidetiere nicht? Jeder tut das!

"Es laufen Ausrottungs-Kampagnen gegen den Wolf"
MontagsforumKurt Kotrschal beim Dornbirner Montagsforum. Das Interesse an Wölfen ist groß.

Sie waren unlängst zum Montagsforum in Vorarlberg. Wie viele Wölfe verträgt unser Land aus Ihrer Sicht?

Ich kann das nicht beurteilen. Aber wenn sich das Land vor Wolfsrudel fürchtet, dann darf ich festhalten: Rudel sind ortsfest. Sie dulden keine anderen Wölfe in ihrem Revier. Durchstreifende Einzelgänger sind da unberechenbarer.

Unlängst hat ein Wolf in Hamburg eine Frau angegriffen. Was sagen Sie dazu?

Das Tier wurde in einem Siedlungsgebiet in die Enge getrieben. Wölfe, die in Siedlungsgebieten vorstoßen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls. Aber nicht die Gefahr. Problematisch wird es, wenn Wölfe von Menschen angefüttert werden und für sie eine Verbindung zwischen Futter und Mensch entsteht.

Ein guter Erhaltungszustand gilt als Voraussetzung für allfällige Regulierungsmaßnahmen. Hat Österreich einen guten Erhaltungszustand?

Davon sind wir meilenweit entfernt. Wie etwa auch Bayern. Einen guten Erhaltungszustand von Wölfen gibt es derzeit in Norddeutschland.

Der Wolf gilt als Gefährder der Alpwirtschaft. Es wurden Alpen wegen ihm auch schon aufgegeben.

Das ist doch ein Blödsinn. Der Rückgang der Alpwirtschaft hat vor allem strukturelle, wirtschaftliche und personelle Gründe. Da mag der Wolf ein Zusatzfaktor sein. Er wird als größter Feind der Alpwirtschaft auffällig instrumentalisiert. Dabei kommen viel mehr Schafe durch Unfälle oder Krankheiten um.

Bijou ist gegenüber Menschen ein freundliches und liebes Tier. Bei Wolfskontakt sollte sie aber eine Bestie werden.
Herdenschutzhunde sind laut Kotrschal eine der möglichen Maßnahmen zum Schutz von Schafen vor Wölfen. VN/Rhomberg

Was fasziniert Sie persönlich am Wolf, als dessen Freund sie angesehen werden?

Ich bin beim Wolf nicht Partei. Ich bin Wissenschaftler. Seine Faszination besteht für mich darin, dass er jenes Tier ist, welches dem Menschen am ähnlichsten ist. Speziell was sein Sozialverhalten und seine Flexibilität anbelangt. Er ist uns ähnlicher als etwa Schimpansen. Der Wolf wird gehasst, aber auch geliebt. Im Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn, wo sich zutrauliche Wölfe befinden, waschen sich manche tagelang die Hände nicht, wenn sie eines der Tiere dort gestreichelt haben.