“Ich habe geschrien und geweint”: Als ihr Säugling stirbt, zerbricht ihre Welt

VN / 28.04.2026 • 08:00 Uhr
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Juliane und David Stemer haben 2024 ihren Sohn verloren. Mit dem Verlust gingen sie ganz unterschiedlich um. Bilder: VN/JUN

Ihr Sohn erlebte nicht einmal seinen ersten Geburtstag. Juliane und David Stemer erzählen, wie eine Trauerbegleiterin ihnen half, das Unfassbare auszuhalten.

Feldkirch Es war im Mai 2024, als ihr Sohn Matheo (Name von der Redaktion geändert) starb. Er wurde nicht einmal ein Jahr alt. Matheo litt an einem sehr seltenen, schweren Gendefekt, der erst im Alter von acht Monaten ausbrach und mehrere Organe schädigte. Von einem Moment auf den anderen änderte sich die Welt von Juliane und David Stemer. Beide sind Träger der Genmutation, die sie an ihren Sohn weitergaben.

Es war nachts, als Matheo sich auffällig verhielt. “Er hat mit den Augen geblinzelt und mit der Hand komische Bewegungen gemacht”, erzählt Juliane. Sie hörte auf ihren Mutterinstinkt und fuhr ins Spital. Fünf Wochen lag Matheo im künstlichen Koma. Die Ärzte gaben ihm noch höchstens vier Monate zu leben. “Ich habe geschrien und geweint”, erinnert sich Juliane an den Moment, als die Ärzte ihr die bittere Nachricht überbrachten.

Nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation bekamen sie ein Einzelzimmer. Dort lernten sie, wie sie ihr Kind pflegen mussten. “Wir mussten über eine Sonde seinen Rachen absaugen”, erinnert sich David. Juliane war von diesem Moment an Tag und Nacht für ihr Kind da. Dreieinhalb Monate nach der Diagnose verlor Matheo den Kampf gegen die Krankheit. Was bleibt, sind die schönen Erinnerungen an ihn: “Er war ein sehr fröhlicher Mensch und hat viel gelacht”, sagt Juliane.

Jeder trauert anders

Bei der Beerdigung funktionierten beide nur. “Wir wollten unserem Buben einen schönen Abschied bereiten. Die Urne habe ich selbst gestaltet”, sagt Juliane. “Ich war schon immer ein kreativer Mensch.” Juliane und David Stemer (beide 29) gingen mit dem Verlust ihres Kindes völlig unterschiedlich um. David wollte keine Schwäche zeigen und begann bald wieder zu arbeiten, was Juliane überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Sie durchlebten Höhen und Tiefen und entfernten sich voneinander. David hielt jedoch an der Beziehung fest und überzeugte Juliane, eine Paartherapie zu beginnen. “Wenn es nach mir ginge, hätte ich die Scheidung eingereicht”, gibt Juliane offen zu.

Wenige Monate nach Matheos Tod vereinbarte David für Juliane einen Termin bei der Kontaktstelle Trauer des Hospiz Vorarlberg. Die Trauerbegleitung nahm zunächst nur Juliane in Anspruch. David wollte keine Hilfe annehmen, obwohl er sie gebraucht hätte, wie er selbst einräumt. Erst später stieß er dazu. “Ich habe es mit mir selbst ausgemacht”, sagt David. Trauerbegleiterin Silvia Mähr bestätigt, dass mehr Frauen eine Trauerbegleitung in Anspruch nehmen als Männer. “Jeder geht anders mit Trauer um”, sagt sie. “Das Aufraffen und Herkommen ist ein riesiger Schritt nach so einem Verlust.”

Individuelle Unterstützung

Im Hospiz fühlte sich Juliane “aufgehoben und verstanden”. Während der Trauerbegleitung konnte sie sich kreativ ausdrücken, was ihr das Reden und Verarbeiten erleichterte. Einmal im Monat besuchte sie in St. Gerold die Pferde, eine tröstende Begegnung. Silvia Mähr und ihre Kollegin Irene Christof überlegen individuell, wie sie Trauernde am besten unterstützen können. Manche möchten kreativ arbeiten, andere spazieren gehen, wieder andere einfach nur sitzen und reden. “Jeder braucht etwas anderes”, sagt Silvia Mähr. “Ich passe mich ihnen an.”

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Trauerbegleiterin Silvia Mähr passt sich den Bedürfnissen der Trauernden an.

Die Trauerbegleitung wird immer stärker nachgefragt. Um Betroffene auf diesem Weg zu begleiten, bietet das Hospiz Vorarlberg eine neue Trauergruppe an. Das Angebot richtet sich an Mütter und Väter, die ein Kind viel zu früh verloren haben. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr in Feldkirch. Ziel ist es, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen und gegenseitig Unterstützung finden können.

Kontaktstelle Trauer – Hospiz Vorarlberg, E-Mail: hospiz.trauer@caritas.at; Tel. 05522-200 1154