Immer weniger Kinder können schwimmen – und die Gründe sind komplexer als gedacht

VN / 05.05.2026 • 07:30 Uhr
Immer weniger Kinder können schwimmen – und die Gründe sind komplexer als gedacht
Daniel Plaichner ist der Landeseinsatzleiter der Wasserrettung Vorarlberg. VN/DJSHOM

Wartelisten sind lang, Angebote knapp. Doch das ist nur ein Teil der Entwicklung, die sich gerade verschärft.

Darum geht’s:

  • Immer weniger Kinder in Vorarlberg können schwimmen.
  • Mangel an Hallenbädern verschärft die Situation.
  • Schwimmkurse haben lange Wartelisten.

Bregenz Wenn der Landeseinsatzleiter der Vorarlberger Wasserrettung, Daniel Plaichner, über Wasser spricht, geht es ihm nicht nur um Freizeit, sondern um Sicherheit – und zunehmend auch um ein wachsendes Problem. “Immer weniger Kinder in Vorarlberg können schwimmen”, betont er. Für ihn ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Entwicklungen.

Zu wenig Hallenbäder für alle

Ein zentraler Punkt ist schlicht der Platz im Wasser. “Wir haben im Land nur wenige Hallenbäder – und genau dort wären planbare Schwimmkurse möglich”, sagt Plaichner. Wartelisten mit 200 bis 300 Kindern seien keine Seltenheit. Gleichzeitig fallen Angebote weg, zuletzt etwa das Hallenbad am LKH Rankweil. Gerade im Winter verschärft das die Situation. “Im Freibad kann ich keinen verlässlichen Kurs anbieten. Wetter, Temperaturen – das ist alles nicht planbar”, so Plaichner.

Immer weniger Kinder können schwimmen – und die Gründe sind komplexer als gedacht
Immer weniger Kinder können sicher schwimmen. Oliver Lerch

Kulturelle Unterschiede – weniger Schwimmer

Dazu kommen gesellschaftliche Veränderungen. Viele Kinder hätten heute weniger Kontakt zum Wasser, manche auch aus kulturellen Gründen. “Der Anteil an Nichtschwimmern ist bei Kindern mit Migrationshintergrund auffällig höher”, beobachtet Plaichner. Gleichzeitig würden Schulen seltener regelmäßig schwimmen gehen. Für Lehrpersonen sei das Risiko gestiegen, wenn ein großer Teil der Klasse nicht schwimmen könne.

Schwimmer überschätzen sich oft

Die Folgen der Nichtschwimmer zeigen sich im Ernstfall, und der ist oft leiser, als viele glauben. “Ein Ertrinkender ruft in den seltensten Fällen laut um Hilfe”, erklärt Plaichner. Besonders gefährlich sei die Panik. Wer nicht schwimmen kann, verliere schnell die Kontrolle – selbst im flachen Wasser. “Viele unterschätzen, dass sie einfach aufstehen könnten. In der Panik denkt man im Wasser nicht daran, dass man möglicherweise einen Boden unter den Füßen hat”, berichtet der Landeseinsatzleiter.

Auch gute Schwimmer sind nicht automatisch sicher. Gerade an Seen beobachtet die Wasserrettung immer wieder Selbstüberschätzung. “Viele schwimmen zu weit hinaus und vergessen, dass sie denselben Weg zurück müssen.” Kälte, Wind oder plötzlich aufkommende Wellen – etwa am Bodensee – können die Situation rasch kippen. Eine einfache Hilfe wäre oft schon ausreichend: “Eine Schwimmboje kann im Notfall Leben retten, man sieht die Person besser und sie kann sich daran festhalten.”

Immer weniger Kinder können schwimmen – und die Gründe sind komplexer als gedacht
Frühes Schwimmtraining unter Aufsicht der Eltern macht Spaß. VN/DJSHOM

Die Technik sei weniger entscheidend, vielmehr das Bewusstsein und das Einschätzen seines Könnens. “Ein guter Schwimmer ist kein schneller Schwimmer, sondern ein sicherer.” Wer seine Grenzen kennt, auf Wetter und Umgebung achtet und sich an Regeln hält, reduziert das Risiko deutlich. Ein weiterer Risikofaktor ist Alkohol. “Die Hemmschwelle sinkt deutlich. Menschen trauen sich mehr zu, als sie können”, so Plaichner. Sprünge ins unbekannte Wasser oder riskantes Verhalten seien häufig die Folge.

Gerade bei Kindern liege die Verantwortung bei den Erwachsenen. “Man muss sie im Blick behalten – und zwar wirklich.” Ablenkung durch das Handy könne schnell gefährlich werden. Im Ernstfall zählt jede Sekunde.

Die Rettungskette muss funktionieren

Wenn etwas passiert, gilt: zuerst Aufmerksamkeit schaffen. “Andere auf die Situation aufmerksam machen, Hilfe holen – und nicht unüberlegt selbst eingreifen”, so Daniel Plaichner. Panische Personen können auch Helfer in Gefahr bringen. Wer eine gefährliche Situation beobachtet, solle lieber einmal zu viel als einmal zu wenig reagieren. Die Rettungskette im Wasser funktioniert so, dass zuerst um Hilfe gerufen wird, danach muss an Land sofort der Notruf gewählt werden. Wichtig ist auch, dass Personen vor Ort mit Hilfsmitteln wie Rettungsschwimmreifen oder Bojen helfen können.

Fünf Regeln für sicheres Baden

  • Nicht überhitzt ins Wasser gehen
    Den Körper vorher abkühlen – ein plötzlicher Temperaturwechsel belastet den Kreislauf.
  • Eigene Fähigkeiten realistisch einschätzen
    Nur so weit hinausschwimmen, wie man sicher auch wieder zurückkommt.
  • Nicht mit vollem Magen oder unter Alkoholeinfluss baden
    Beides erhöht das Risiko für Kreislaufprobleme und Fehlentscheidungen.
  • Umgebung und Regeln beachten
    Wassertiefe prüfen, Sprungverbote einhalten und auf andere Badegäste Rücksicht nehmen.
  • Hilfsmittel nutzen und Kinder im Blick behalten
    Schwimmbojen oder Westen erhöhen die Sicherheit – Kinder nie unbeaufsichtigt lassen.