Lauterach fordert zum “Ufanand-luaga” auf

VN / 12.05.2026 • 12:59 Uhr
Bürgermeister Elmar Rhomberg und Gemeindearzt Dr. Hubert Dörler stehen als Betroffene an der Spitze der Initiative „Mir luagand ufanand“, die im vollbesetzten Vereinshaus vorgestellt wurde. PETER STRAUSS
Bürgermeister Elmar Rhomberg und Gemeindearzt Dr. Hubert Dörler stehen als Betroffene an der Spitze der Initiative “Mir luagand ufanand”, die im voll besetzten Vereinshaus vorgestellt wurde. peter strauss

Dem Miteinander soll in der Marktgemeinde wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Lauterach Das voll besetzte Lauteracher Vereinshaus erlebte eine “eigenartige” Veranstaltung: Der Verein mitnand, der Krankenpflegeverein, die bühne 68 und das BORG Lauterach hatten einen Impulsabend organisiert, bei dem es darum ging, das Miteinander neu zu entdecken und sich wieder mehr darauf zu besinnen, wie wichtig das “Ufanand-luaga” für ein gedeihliches Zusammenleben in einer Gemeinde ist.

Erwin Rinderer, Cornelia Berger, Anna Oh und Birgit Rüdisser engagieren sich bei der Initiative „Mir luagand ufanand“.   
Erwin Rinderer, Cornelia Berger, Anna Oh und Birgit Rüdisser engagieren sich bei der Initiative “Mir luagand ufanand”.

Selbstverständliches geht verloren

In der abschließenden Diskussion kam in einer kurzen Wortmeldung drastisch zum Ausdruck, wie sehr die Kultur des “Ufanand-luagas” schon verloren  ging: Wenn sie im Dorf unterwegs sei und dabei Entgegenkommende freundlich grüße, so eine Frau im Publikum, werde sie meist verwundert angeschaut, Gegrüßte reagieren überrascht und irritiert, eben ganz so, als hätten sie mit so etwas einfach nicht gerechnet. Dass das Grüßen weitgehend verloren ging, machte vor allem die älteren Besucher der Veranstaltung nachdenklich, denn “früher” war ein freundlicher Gruß nicht nur selbstverständlich, er führte manchmal auch zu einer Kontaktaufnahme und einem kurzen Gespräch, das zum Ausdruck bringt, dass man sich nicht gleichgültig ist, sondern eben “ufanand luagat”.

Bürgermeister Elmar Rhomberg: „In der Reha ist mir klar geworden, dass Achtsamkeit und Ufanand luaga nicht erst auf der Intensivstation beginnen darf.“   
Bürgermeister Elmar Rhomberg: “In der Reha ist mir klar geworden, dass Achtsamkeit und Ufanand luaga nicht erst auf der Intensivstation beginnen darf.”

Wirkung ist belegbar

Zum Thema Grüßen und gegenseitige Wertschätzung zitierte Psychotherapeut und Sozialpädagoge Bertram Strolz in seinem Referat aus einer internationalen Studie: Demnach seien in großen Betrieben, in denen eine intensive Gruß- und Gesprächskultur gepflegt wurde, die Zahl der Krankenstände um rund 15 Prozent geringer als in vergleichbaren Unternehmen, in denen auf derartiges “ufanand luaga” kein Wert gelegt wird.

Gemeindearzt Dr. Hubert Dörler: „Nach meinen dramatischen Erfahrungen gehe ich jetzt ganz anders ins Pflegeheim, jetzt kann ich wirklich mitreden.“   
Gemeindearzt Dr. Hubert Dörler: “Nach meinen dramatischen Erfahrungen gehe ich jetzt ganz anders ins Pflegeheim, jetzt kann ich wirklich mitreden.”

Eine riesige Kraftquelle

Bertram Strolz ortet eine Klimakrise der Gesellschaft. Psychische Erkrankungen nehmen zu, Mitmenschlichkeit geht verloren. Der Mensch sollte deshalb versuchen, Teil der Lösung zu werden statt Teil des Problems zu sein.   
Bertram Strolz ortet eine Klimakrise der Gesellschaft. Psychische Erkrankungen nehmen zu, Mitmenschlichkeit geht verloren. Der Mensch sollte deshalb versuchen, Teil der Lösung zu werden statt Teil des Problems zu sein.

“Mir luagand ufanand” sei aber weit mehr als eine Höflichkeit, diese Achtsamkeit und Anteilnahme könne auch eine große Hilfe und riesige Kraftquelle sein, brachten Bürgermeister Elmar Rhomberg und Gemeindearzt Dr. Hubert Dörler in der Talkrunde mit Johannes Schmidle zum Ausdruck.

Die beiden waren lebensbedrohlich erkrankt. Und im Gespräch mit dem Moderator schilderten sie ihren schweren Weg zurück ins normale Leben. “Eine Ewigkeit” habe es gedauert, so Rhomberg, bis er einfache Handgriffe wie das Binden der Schuhe wieder geschafft habe. Alles musste er “neu erfinden” und in der Reha sei er fast in eine Depression gefallen, weil sich alles nur darum gedreht habe, wie man am besten und schnellsten in Invaliden-Frühpension gehen könne. Irgendwann sei ihm dann der Kragen geplatzt und er habe verlangt, man solle doch endlich einmal darüber reden und informieren, wie man ins frühere Leben zurückfinden kann.

Volles Haus im Vereinshaus bei der Präsentation der Initiative „Mir luagand ufanand“.
Volles Haus im Vereinshaus bei der Präsentation der Initiative “Mir luagand ufanand”.

Dass er es geschafft habe, verdanke er in erster Linie der Familie und dem engeren privaten Umfeld, “aber auch dem überwältigenden Zuspruch und den aufmunternden Wünschen vieler Menschen, die ich zum Teil gar nicht persönlich kenne.” Als er wieder einigermaßen auf dem Damm und dazu in der Lage war, habe er 1156 Whatsapp-Nachrichten lesen dürfen und begriffen, wie wichtig jede Aufmunterung, jeder gute Wunsch und jede Wertschätzung sei.

Sonja Kaiser: „Mitarbeiten bei dieser Initiative könnte man beispielsweise mit Besuchen bei Menschen, denen Vereinsamung droht. Ihnen einfach zuhören, mit ihnen reden würde viel helfen.“
Sonja Kaiser: “Mitarbeiten bei dieser Initiative könnte man beispielsweise mit Besuchen bei Menschen, denen Vereinsamung droht. Ihnen einfach zuhören, mit ihnen reden würde viel helfen.”

Dr. Dörler schlug in die gleiche Kerbe – jetzt gehe er ganz anders ins Pflegeheim und könne ganz anders mitreden. Hier hakte Sonja Kaiser, Pflegedienstleiterin des Krankenpflegevereins, ein und nannte ein Beispiel, wie das Miteinander und “Ufanand-luaga” praktisch umgesetzt werden kann: “Viele Patienten oder Bewohner im Sozialzentrum haben kaum Kontakte, ihnen droht Vereinsamung und sie wären dankbar und glücklich, würden sich Ehrenamtliche bereitfinden, ihnen einfach nur zuzuhören oder ein Gespräch mit ihnen zu führen.” STP

Erwin Rinderer und Birgit Rüdisser sind „froh und dankbar um jeden Ehrenamtlichen, der bei unserer Initiative mitarbeiten möchte.“
Erwin Rinderer und Birgit Rüdisser sind “froh und dankbar um jeden Ehrenamtlichen, der bei unserer Initiative mitarbeiten möchte.”