Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Selbstbewusst in dunklen Zeiten

Politik / 18.05.2026 • 14:04 Uhr

Die Länder Europas mögen manchmal an der Stärke ihres Verbundes zweifeln, so wie an manchen Ideen ihrer Nachbarinnen und Nachbarn. Und dennoch dürfen sie keinesfalls ihre große gemeinsame Stärke vergessen, das war auch die Botschaft der beeindruckenden Rede der amerikanischen Historikerin und Publizistin Anne Applebaum zum Auftakt der Wiener Festwochen vergangene Woche. Applebaum entwarf dabei ein Bild des Kontinents, das die Europäerinnen und Europäer selbst derzeit wohl selten von sich zeichnen: Sie sieht nun „die Stunde Europas“ gekommen.

Dafür hat Applebaum schlüssige Argumente parat: „Wir haben unabhängige Gerichte, die mehr sind als bloße Sprachrohre der Machthabenden. Wir halten unser Wort. Wir achten Verträge. Unser Kontinent respektiert und schätzt die Wissenschaft, befasst sich mit Geschichte, legt Wert auf Kultur und zieht Lehren aus der Geschichte. Wir sollten dies nutzen, um ein Anziehungspunkt für Investitionen, Innovationen und Menschen mit neuartigen Ideen zu werden. Es ist gerade unsere Berechenbarkeit, die uns in einer Welt der unberechenbaren Mächte einen Vorteil verschafft.“

Vernunft unerwünscht

Heute weiß niemand, was der amerikanische Präsident in einer Woche tun wird. Möglicherweise weiß es auch Donald Trump selbst nicht so genau. Jeder Tag kann neue Entscheidungen oder die Zurücknahme von Entscheidungen bringen, ob bei dem Kräftemessen rund um Zölle, das Trump mit dem maßlosen Ausleben seiner Idee von „America first“ auslöste. Aber auch, wenn er freihändig über Krieg und Frieden entscheiden will und emotional reagiert, sobald andere Kriegsparteien diese Vorstellungen nicht sofort teilen wollen. Kompromisse zu suchen und einen rationalen Umgang miteinander zu pflegen, das überlässt Trump lieber uns in Europa.

Für ihn mögen das Zeichen von Schwäche sein, tatsächlich sind es Faktoren der Erfolgsgeschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Druck, den Wladimir Putins Russland und Trumps USA auf Europa ausüben, können wir mit Zusammenhalt, Selbstbewusstsein und auch mit einer Adaption unserer Politiken begegnen, wie Anne Applebaum in ihrer Wiener Rede feststellte: Etwa mit mehr Geld für europäische Rüstungstechnologien, Investitionen in europäische Social-Media-Plattformen und KI-Entwicklungen oder dem Bekenntnis zur Kapitalmarktunion, um das volle wirtschaftliche Potenzial Europas ausschöpfen zu können.

„Wir müssen so denken wie die mächtigste Wirtschaftszone der Welt – die wir sind – und dementsprechend agieren“, sagte Applebaum. Die wohltemperierten Zeiten, in denen man „good old Europe“ nicht ganz für voll nehmen konnte, könnten damit auch für Mr. Trump vorbei sein.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.