NS-Relikte sorgen für Gesprächsstoff: „Ich war ein Kinderzimmernazi“

In der NS-Beratungsstelle des Vorarlberg Museums bekommen Interessierte Antworten auf brennende Fragen.
Hard Walter Feurstein (69) treibt die Frage schon lange um: War sein Vater an Kriegsverbrechen beteiligt? „Mein jugendliches Problem war, dass mein Vater ein Kriegsheld war. Laut seinen Erzählungen war der Krieg gut, der Krieg musste sein, sonst wären wir von Russland überrollt worden. Bis ich einmal diese Box ausgepackt habe und daraufgekommen bin, dass er ganz anders eingesetzt war, als er es immer erzählt hatte“, schildert der Bregenzer. Genau diese kleine Holzkiste trägt er an diesem Freitag aus dem Depot des Vorarlberg Museums in Hard.
Das Museum hat hier im Rahmen der Ausstellung “Baustelle Erinnerung – Hitler entsorgen“ eine NS-Beratungsstelle eingerichtet. Besucher können an zwei Freitagen im Mai (22. und 29. Mai) einschlägige Objekte, Fotos oder Dokumente vorbeibringen und von Experten einordnen lassen.

Am ersten Tag ist die Beratungsstelle gleich zu Beginn gut besucht. Oft handelt es sich um Dachbodenfunde aus Nachlässen, wie bei einer Frau aus Dornbirn, die mit zwei Plastiktüten voller Aufnäher, Abzeichen und Turnerschärpen nach Hard gekommen ist. „Ich wollte die Sachen nicht einfach wegwerfen, damit sie nicht in falsche Hände geraten. So wie manche Pokémon sammeln, sammeln manche leider auch das“, erklärt sie.
Viele wissen nicht, was sie mit den Fundstücken aus der NS-Zeit tun sollen. Wegwerfen? Aufheben? Dem Museum geben? Grundsätzlich gilt: In Österreich und Deutschland ist der Verkauf von NS-Objekten, anders als in vielen anderen Ländern, verboten. Der Besitz ist erlaubt, solange man sie nicht der Öffentlichkeit oder mehreren Personen zur Schau stellt und in einen positiven Kontext stellt. Im Museum können solche Gegenstände indes zur Aufklärung beitragen und helfen, historische Zusammenhänge verständlich zu machen.

„Sie bringen etwas Einschlägiges mit? Bitte sehr“, sagt Vorarlberg-Museum-Direktor Michael Kasper. In diesem Fall handelt es sich um vier Anstecknadeln. „Die Dame hat uns die Anstecker hiergelassen, weil sie sie nicht zu Hause haben möchte. Wir werden sie de facto nicht in die Sammlung aufnehmen, weil sie keinen Vorarlberg-Bezug haben und sie nicht einmal sicher sagen konnte, von wem sie stammen. Bei uns ist der Kontext das Entscheidende“, erläutert Kasper nach der Begutachtung. Die Anstecknadeln gehen daher zum Entsorger. Anders sieht es bei einem anderen Fundstück aus: einem geschnitzten Holzkästchen aus dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager samt Tagebuch, in dem auch das Leben im Lager beschrieben wird. „Das ist echt ein Highlight“, unterstreicht der Direktor. Der Sohn des Verfassers wollte nicht, dass es irgendwann am Flohmarkt landet oder entsorgt wird.
Auch Walter Feurstein ist erleichtert: „Mich beruhigt, dass mein Vater wahrscheinlich kein wahnsinniger Nazi oder Kriegsverbrecher war, sondern einfach ein junger Bub, der aber nicht eingesehen hat, dass sie den Krieg verloren haben. Das hat er so weitergelebt und ich habe immer alles geglaubt. Das hat mich gestört. Ich war ein Kinderzimmernazi.“ Von den Experten hat der 69-Jährige Anlaufstellen bekommen, wo er weiterforschen kann. Denn er möchte mehr erfahren. „Ich möchte wissen, was ein junger Mensch gedacht hat, warum er so etwas gemacht und nie über den Krieg geschimpft hat. Die jungen Leute haben das System, unbewusst oder bewusst, möglich gemacht. Das Gleiche passiert heute wieder“, gibt er zu bedenken.
Nächster Termin in der NS-Beratungsstelle: 29. Mai 2026, 9 bis 11 Uhr, Depot des Vorarlberg Museums in Hard, Grafenweg 14.