Werner erinnert sich zwar nicht mehr an die Hochzeit – doch seine Liebe zu Rita bleibt

Werner erinnert sich zwar nicht mehr an seine Hochzeit. Seine Liebe zu Rita hat er aber nicht vergessen. Wie ein Ehepaar den Alltag mit Demenz meistert.
Bludenz Werner Deutschmann (83) ist ein Charmeur und macht Frauen gerne Komplimente, vor allem dann, wenn sie ein schönes Gesicht haben. Seine Frau Rita Deutschmann nimmt es gelassen. “Werner hat immer gerne schöne Frauen angesehen.” Das mache er auch heute noch. “Er hat ein Auge für Schönheit”, sagt Rita. Die beiden sind seit 41 Jahren verheiratet. Ihre Liebe zueinander zeigt sich in jedem Blick und in jeder Geste, in guten wie in schlechten Zeiten. Werner ist dement – Rita, 86 Jahre alt, weicht ihm nicht von der Seite.

Vor und im Haus stehen zahlreiche Steinskulpturen von Werner, der Steinmetz und Bildhauer ist. Die Aphrodite ist eines seiner letzten Werke. Vollendet hat er sie nie. Ihr fehlt das Gesicht. “Er war der jüngste Steinmetzmeister Österreichs”, erzählt Rita. Mittlerweile habe er keine Kraft mehr zum Bildhauen. 2019 wurde bei Werner Demenz diagnostiziert. “Er wollte nicht mehr aufstehen”, erinnert sich Rita. Als er die Uhrzeit aufmalen musste, konnte er das nicht mehr.

Gute und schlechte Tage
Katharina Bahl besucht die Deutschmanns regelmäßig, um zu erfahren, wie es ihnen geht. Sie ist psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflegerin und beim Krankenpflegeverein Bludenz für die ambulante gerontopsychiatrische Pflege (AGP) zuständig. “Heute ist ein guter Tag”, meint Bahl. Dass Werner mit ihr spricht, sei nicht selbstverständlich. Meist sitzt er, wenn Besuch da ist, teilnahmslos am Tisch. Tinnitus und Schwindel sind Werners ständige Begleiter. Dazu kommt seine extreme Müdigkeit. Ohne Rita würde er den ganzen Tag schlafen.

“Ich bin glücklich mit meiner Rita”, sagt Werner lächelnd und schaut dabei verliebt in Ritas Augen. “Ich bin am liebsten mit meiner Frau zusammen.” Feste Routinen sind für Werner wichtig: Am Nachmittag gibt es Kaffee und Kuchen, von dem er auch nach drei Stücken nicht genug bekommt.

Rita unternimmt viel mit ihm: Sie gehen zu Konzerten, frühstücken im Zimbapark, spazieren am Bartholomäberg und fahren gemeinsam in den Urlaub. “Ich will mit ihm unter die Leute kommen”, sagt Rita. Er sei ein “charmanter Boy”, der “sehr lustig” sein könne, schwärmt sie von ihrem Mann. “Das verbal-aggressive Verhalten hat er zum Glück nicht”, bestätigt Katharina Bahl und lobt Rita: “Sie kümmert sich super um ihn.”

“Werner ist ein angenehmer Patient”
Unterstützung erhält Rita vom MOHI (Mobiler Hilfsdienst) sowie vom Krankenpflegeverein Bludenz. “Werner ist ein angenehmer Patient”, sagt Katharina Bahl. 25 bis 30 Patienten betreut sie im Monat, einige stehen auf der Warteliste. “Die Pflege zu Hause wird die Zukunft sein”, ist Bahl überzeugt, “denn durch den demografischen Wandel werden Pflegeplätze in Heimen knapp”.

Rita möchte noch keine 24-Stunden-Hilfe, solange sie selbst waschen und kochen kann. Dennoch betont sie: “Ich lasse mir gerne helfen”, möchte aber so lange wie möglich eigenständig bleiben. Bei Bedarf helfen auch die Kinder.
Lückenhaftes Gedächtnis
Tagsüber besucht Werner die Tagesbetreuung für demente Personen in Nüziders, damit Rita Entlastung und Zeit für sich hat. “Wenn ich ihn frage, wie es in der Tagesbetreuung war, weiß er es nicht mehr”, meint Rita. Sowohl Kurzzeit- als auch Langzeitgedächtnis haben Lücken. So könne er sich zwar nicht mehr an die Hochzeit erinnern, wisse aber noch jeden Stein auf dem Friedhof, den er gemeißelt hat. Wer Rita ist, weiß Werner noch immer. “Das passiert nicht so schnell, dass er mich vergisst”, sagt Rita.
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Sie hofft, dass seine Demenz nicht schlimmer wird und “wir es noch lange schön haben”. Mit der Krankheit ihres Mannes hat sie umzugehen gelernt. “Es geht nicht mehr so wie früher.” Immerhin ist sein Wesen unverändert. “Er ist ein herzensguter Mensch”, sagt sie.