Gesellschaftsanalyse in Romanform

Lukas Rietzschels neuer Roman „Sanditz“ beleuchtet Ostdeutschland im Wandel der Zeit.
Schwarzach Lukas Rietzschel zählt zu den wichtigsten jungen Autoren der Nachwendegeneration. In seinen Romanen greift Rietzschel gesellschaftlich relevante Themen im Zusammenhang mit dem (ehemaligen) Ostdeutschland auf: Sein Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt vom Rechtsruck zweier Brüder in der sächsischen Provinz, während „Raumfahrer“ das Leben einer ostdeutschen Familie von den 1970er-Jahren bis in die Corona-Pandemie beleuchtet. Nun ist sein neuer Roman „Sanditz“ erschienen.
Von der Wende bis zum Krieg
Der Roman „Sanditz“ beschreibt die Lebensgeschichten dreier Generationen brutal und ohne sie zu beschönigen. Rietzschels Figuren sind vielschichtig und spiegeln die Realität, den Umbruch der Wendezeit und gesellschaftliche Spannungen in Krisenzeiten wider. Den Rahmen und die Struktur des Romans bilden die letzten drei Jahre der Corona-Pandemie. Sprunghaft blickt der Autor auf die Lebensrealitäten der Figuren während des gesellschaftspolitischen Umbruchs in der DDR im Jahr 1989 kurz vor der Wende zurück.
Pure Realität
Zum Inhalt: Alles dreht sich um die Zwillinge Maria und Tom, ihre Mutter Marion und ihren sozialen Vater Roland sowie Marions Eltern Erika und Norbert. Die Biografien der Akteure gehen einem zu Herzen und werden durch viel Liebe zum Detail, eindringliche Dialoge und starke Emotionen greifbar.
Da wäre zum Beispiel Rolands Geschichte: Schon in seiner Jugend bemerkte er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, aber seine Homosexualität machte ihm bereits in der DDR das Leben schwer. In Kirchen, die unter anderem Künstlern, Jugendgruppen und Homosexuellen Schutz bot, konnte er seine Identität zumindest zeitweise frei ausleben. Doch auch 2021 scheint sich wenig geändert zu haben: In Frankfurt am Main wird Roland zusammengeschlagen, weil er mit einem Arbeitskollegen Händchen haltend durch die Innenstadt spaziert.
Oder Tom: Während der Corona-Pandemie verändert sich sein Wesen zunehmend. Was zunächst als Skepsis gegenüber den staatlichen Maßnahmen beginnt, entwickelt sich schließlich zum Leugnen der Pandemie. Tom verweigert das Tragen einer FFP2-Maske, lässt sich nicht impfen, tritt verschiedenen Telegram-Gruppen bei und entfremdet sich immer mehr von seiner Familie. Als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine beginnt, sammelt er zunächst Spenden für die Ukraine. Schließlich stirbt Tom als Freiwilliger auf dem Schlachtfeld.
Greifbare Soziologie
Rietzschel porträtiert Ostdeutschland heute wie damals präzise und detailreich. Dabei wirkt vieles glaubwürdig und weder konstruiert noch übererklärt. Durch sorgfältig ausgearbeitete Dialoge haucht der Autor seinen Figuren Leben ein und macht gesellschaftliche sowie soziologische Themen greifbar. „Sanditz“ versteht sich als literarische Gesellschaftsanalyse. Ein Roman muss nicht nur unterhalten, sondern kann auch zum Nachdenken anregen – beides gelingt „Sanditz“ eindrucksvoll. Nicht ohne Grund landete der Roman auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Clarissa Berner