Zwischen zwei Heimaten

Der Krieg zwang Wael Bakour zur Flucht. In Dornbirn baute er sich eine neue Existenz auf.
DORNBIRN Wael Bakour hatte nie vor, Syrien zu verlassen. In seiner Heimat führte er ein gutes Leben. Er war beruflich erfolgreich, hatte eine Familie gegründet, blickte zuversichtlich in die Zukunft. Dann kam der Krieg und zerstörte seinen Lebensplan. Wie er sich in Vorarlberg eine neue Existenz aufgebaut hat, erzählt der 44-Jährige an einem warmen Nachmittag im Büro seines Unternehmens in Dornbirn.
Studium in der Ukraine
Wael Bakour wurde 1982 geboren und wuchs mit sechs Geschwistern im Dorf Telvisa in der Provinz Homs auf. Sein Vater war Pharmazeut und führte eine Apotheke, die Mutter kümmerte sich um Haushalt und Kinder.
“Als der Islamische Staat die Stadt einnahm, war mir klar, jetzt müssen wir wieder fliehen.”
Wael Bakour, Pharmazeut, Lebensmittelgroßhändler
Nach der Matura begann Wael 2003 ein Pharmaziestudium an der Medizinischen Akademie in der ukrainischen Stadt Charkiw. Aufgrund historischer Verbindungen studierten damals viele Syrer in der ehemaligen Sowjetrepublik.

2009 kehrte er als Magister der Pharmazie nach Syrien zurück, übernahm die Apotheke seines Vaters und heiratete die Pharmazeutin Maha Alkhoder. “Wir arbeiteten zusammen in der Apotheke, bis unsere ersten beiden Söhne geboren wurden”, erzählt Wael.
Mit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 änderte sich alles. Der Konflikt entwickelte sich rasch zu einem internationalen Stellvertreterkrieg, und Homs gehörte zu den am stärksten umkämpften Regionen. Deshalb floh die Familie in die nordsyrische Stadt Rakka. Dort baute Wael einen Medikamentengroßhandel auf. Doch als 2014 die Terrororganisation Islamischer Staat die Stadt einnahm, war ihm klar: “Jetzt müssen wir wieder fliehen.”

Flucht mit Schlauchboot
Seine Frau kehrte mit den Kindern nach Homs zurück, während Wael mit drei Geschwistern Syrien verließ. Erstes Ziel war die türkische Hafenstadt Mersin. Von dort aus machten sie sich mit etwa 30 weiteren Geflüchteten in einem Schlauchboot auf den Weg nach Griechenland. Nach rund sieben Stunden erreichten sie Lesbos – glücklicherweise ohne Zwischenfälle.
Die weitere Fluchtroute führte die Geschwister über Serbien und Ungarn nach Österreich. Nach 40 Tagen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen wurden sie nach Vorarlberg gebracht. “Wir kamen am 23. Dezember 2014 in Vandans an und fanden Unterkunft in einem Haus für Flüchtlinge”, erinnert sich Wael.
Im April 2015 erhielt die Familie den Status Konventionsflüchtlinge. Damit wurde auch die Familienzusammenführung möglich. Am 7. Juli 2015 schloss Wael seine Frau und die beiden Söhne in die Arme. Später kamen ein weiterer Sohn und eine Tochter zur Welt. Heute lebt die Familie in Dornbirn.
Ursprünglich wollte der Pharmazeut auch in Österreich in seinem erlernten Beruf arbeiten. Doch die Nostrifizierung seines in der Ukraine erworbenen Studiums erwies sich als zu aufwendig und kostspielig. Daher entschied er sich für einen anderen Weg: Er meldete das Gewerbe Lebensmittelhandel an. “Ich begann in einer Autogarage in Dornbirn, Waren zu lagern und an meine Kunden auszuliefern”, erzählt er. 2018 eröffnete er ein Geschäft für syrische Produkte, ein Jahr später gründete er den Lebensmittelgroßhandel Bakour.

Kein einfacher Anfang
Der Anfang in Vorarlberg war nicht einfach. “Ein fremdes Land, andere Regeln, keine Sprachkenntnisse, keine Bekannten”, sagt Wael. “Aber irgendwie hat es funktioniert.” Inzwischen spricht er gut Deutsch, seine Firma entwickelt sich zufriedenstellend, sein Freundeskreis wächst. Und er hat das Gefühl, in Vorarlberg eine zweite Heimat gefunden zu haben.
Dennoch begleitet ihn bis heute Sehnsucht nach seinem Herkunftsland: “Ich vermisse Syrien. Aber an eine Rückkehr ist nicht zu denken. Von Frieden ist das Land noch weit entfernt.”