Vom Aussterben bedroht: So steht es um die Telefonzellen in Vorarlberg

VN / 20.06.2026 • 04:00 Uhr
Vom Aussterben bedroht: So steht es um die Telefonzellen in Vorarlberg
Während sie früher sehr wichtig waren, werden Telefonzellen heute kaum mehr wahrgenommen. Roland Paulitsch

Wie viele Telefonzellen es noch in Vorarlberg gibt und wie es mit ihnen weitergeht.

Bregenz, Götzis, Hörbranz Während es vor knapp zehn Jahren noch über 400 öffentliche Telefone in Vorarlberg gab, sind es heute nur noch 84. Doch es entstehen neue Nutzungsmöglichkeiten: So wurde in Hörbranz vor Kurzem eine neue Bücherzelle aufgestellt.

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Viele Einheimische wissen nicht mehr, wo sich Telefonzellen befinden. Hier eine bei der Post in Bregenz.VN

Früher und heute

Alle 84 öffentlichen Telefone in Vorarlberg sind Telefonzellen – funktionsfähige Innengeräte in Gebäuden gibt es also keine mehr. Fast die Hälfte davon befindet sich in den drei Gemeinden Dornbirn (17), Bregenz (14) und Hard (7). Wer glaubt, an deren gut frequentierten Bahnhöfen eine Telefonzelle zu finden, liegt falsch. Am Bahnhof Bregenz gibt es in der ehemaligen Kassenhalle zwar noch ein Innengerät als Zeugnis vergangener Zeiten, dieses ist jedoch außer Betrieb.

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Das öffentliche Telefon am Bahnhof Bregenz ist aktuell nur aufgrund der Architekturtage bis August zugänglich. Ansonsten ist die ehemalige Kassenhalle abgesperrt.VN

Auf Google Maps wird beim Minigolfplatz Bregenz noch eine Telefonzelle angezeigt. Aber auch diese gibt es eigentlich nicht mehr. „Die ist immer wieder beschädigt und beschmutzt worden und wurde vergangenes Jahr abgebaut“, erzählt Alexander Saskin (56), dessen Sohn den angrenzenden Kiosk am See betreibt. 

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In Google Maps wird die Telefonzelle beim Minigolfplatz in Bregenz aktuell noch angezeigt. Google Maps
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Alexander Saskin erzählt, dass die Telefonzelle beim Minigolfplatz oft kaputt und schmutzig war.VN

Offenbar ist Vandalismus an Telefonzellen jedoch kein Phänomen der Gegenwart. „Auch früher waren sie oft ruiniert und dreckig“, meint Robert Schall (75) aus Bregenz. „Das Erste, was ich nach dem Telefonieren immer gemacht habe, war Händewaschen.“ In seinem Haus hatte er damals einen Viertelanschluss, also einen Gemeinschaftsanschluss, bei dem sich vier Haushalte eine einzige Telefonleitung teilten. Eine Telefonzelle benutzte er früher etwa zehnmal im Jahr, wenn er spontan telefonieren musste oder etwas eilte.  

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Robert Schall erinnert sich, dass es damals zur Weihnachtszeit eine Schlange gab und die Leute in der Telefonzelle mit einem Klopfen angetrieben wurden, wenn sie zu lange redeten.VN

Lilo Sternik ist ebenfalls in Bregenz aufgewachsen und nutzte Telefonzellen vor allem für Notfälle und um ihren Freund anzurufen. „Es war eine tolle Einrichtung und unglaublich wichtig“, beschreibt die 78-Jährige, die nun in Lochau wohnt. Heute nutzt sie Telefonzellen nicht mehr.

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Bis zu ihren Jugendjahren hatte Lilo Sterniks Familie kein Telefon zu Hause.VN

Neunutzungen

Zuständig für die Telefonzellen in Österreich ist A1, die frühere Telekom Austria. „Wir orientieren uns am Bedarf und werden sie potenziell weiter reduzieren“, sagt Jochen Ohnewas-Schützenauer, A1-Pressesprecher. „Defekte Telefonzellen werden selten noch einmal instand gesetzt. Nur wenn sie vor Ort wirklich noch gebraucht werden, weil sich die Menschen zum Beispiel sicherer und wohler fühlen, wenn es sie gibt.“ Dennoch soll in fast jeder Gemeinde Österreichs nach wie vor zumindest eine Telefonzelle stehen.

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Jochen Ohnewas-Schützenauer, Pressesprecher von A1, meint, dass die noch vorhandenen Telefonzellen vor allem von Touristen sowie von Menschen ohne Guthaben oder leeren Akku genutzt werden. A1

Über die Jahre hinweg gab es immer wieder Projekte zur Neunutzung. Sie werden beispielsweise als Werbeflächen genutzt. Einige wurden zudem zu Defi-Zellen umfunktioniert, bei denen die Telefonzellen mit Defibrillatoren ausgestattet worden sind. Die wohl bekannteste Form der Neunutzung ist der “Offene Bücherschrank”. Erst vergangene Woche wurde ein solcher in Hörbranz aufgestellt.

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Am Donnerstag hat ein Teil der Gemeindevertreter-Arbeitsgruppe eine inoffizielle Einweihungsfeier gemacht. V.l.n.r.: Heide Jäger, Christiane Dworzak und Dominik Greissing. VN/Grundner

„A1 hat uns die Telefonzelle kostenlos zur Verfügung gestellt“, berichtet Neos-Gemeindevertreter Dominik Greissing. Es gibt sogar ein Solarlicht, das bis 22 Uhr und im Winter für Komfort sorgen soll. Außerdem soll sie noch angemalt werden. Umgesetzt wurde das Projekt von einer Arbeitsgruppe der Gemeindevertretung.

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Eine solche Mini-Bibliothek wie hier in Hörbranz ist eine beliebte Neunutzung der ausgedienten A1-Telefonzellen. VN

Sozialarbeiter und Jugendliche der Offenen Jugendarbeit Götzis (OJAG) haben einer ausgemusterten A1-Telefonzelle vor zwei Jahren neues Leben eingehaucht. Der „Offene Kasten“ ist eine Tauschbörse, in der man alle möglichen Gegenstände weitergeben kann. „Einmal wurde die Scheibe eingeschlagen“, erzählt Sozialarbeiterin Madlen Behrle, die das Projekt mitbegleitet hat. „Aber davon abgesehen funktioniert es gut und wird viel von den Menschen genutzt.“

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Für die Betreuung des „Offenen Kastens“ in Götzis sind die Jugendlichen zuständig. OJAG

So viel kostet ein Telefonat aus der Telefonzelle

Telefonzellen verrechnen nach dem Impulsverfahren. Ein „Impuls“ kostet 0,143 Euro. Je nach Anrufziel dauert so ein Impuls unterschiedlich lange:

  • Lokalzone (Ortsnetz des öffentlichen Telefons, von dem angerufen wird): 60 Sekunden
  • Inlandszone (Ortsnetze in Österreich): 43,33 Sekunden
  • Mobilfunkzone 1 (0664, 0680, 0699, 0676, 0681, 0688-8): 18 Sekunden
  • Mobilfunkzone 2 (0650, 0660): 14,4 Sekunden

Historischer Exkurs:

Laut A1 ging der erste Münzfernsprecher am 17. August 1903 am (damaligen) Wiener Südbahnhof in Betrieb. Gegen Einwurf von 20-Heller-Stücken waren damit lokale Telefongespräche möglich. Zwischen 1903 und 1909 wurden in Bahnhöfen, Kaffeehäusern und in öffentlichen Gebäuden österreichweit 97 Telefonautomaten aufgestellt. Ab 1909 durften Fernsprechapparate auch in Kiosken im öffentlichen Straßenraum errichtet werden. Zu Beginn allerdings nur „versteckt“, um das Ortsbild nicht zu verunstalten. 

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Früher waren öffentliche Telefone sehr wichtig.Telekom Austria
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Öffentliche Telefone prägten einst das Stadtbild. Telekom Austria

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