Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Kampf um Anerkennung – Ich sehe dich

Politik / 22.06.2026 • 14:05 Uhr

Mächtige Konzernchefs wie Mark Zuckerberg (Meta) oder Elon Musk (X) werden uns mit ihren blinkenden Angeboten die Zukunft jedenfalls nicht richten. Das ist mittlerweile wohl immer mehr Menschen bewusst. Herkömmliche Medien ringen zwar mit dem Verlust an Werbegeldern in Richtung der internationalen Digitalriesen und mit der starken Social-Media-Konkurrenz gerade bei den Jüngeren, dennoch gibt es Perspektiven für die Medienwelt, wie der vor kurzem präsentierte „Digital News Report“ des international renommierten Reuters Institute belegt.

In Österreich bleibt laut der Studie das Vertrauen in Nachrichten gegenüber dem Vorjahr stabil. Viele vertrauen jenen klassischen Medien, die Wert auf sorgfältigen Journalismus legen und auch ihren Regionalmedien. Ein informatives Interview oder eine fachkundige Analyse können eben doch mehr Wert für das Publikum haben als ein lustiger Social-Media-Schnipsel, der vor allem auf starke Emotionen abzielt. Seriosität und Sorgfalt sind in einer beschleunigten Welt wichtiger denn je für uns Medienschaffende. Richtigkeit kommt dabei noch immer vor jener rasenden Geschwindigkeit, die Social-Media-Plattformen vorgeben.

Wertschätzung als Basis

Und auch eine andere Erkenntnis kann etablierten Medien helfen, Geschäftsmodelle und Angebote für ihre Zielgruppen weiterzuentwickeln: Gemeinsam ist man stärker. Bei aller Wichtigkeit des Wettbewerbs spricht man nun ernsthaft miteinander über Kooperation, über die Grenzen von Medienhäusern und Verlagen hinweg, anders als in der Vergangenheit. Wer allerdings besser zusammenarbeiten will, sollte als ersten Schritt damit beginnen, die anderen anzuerkennen. Mit ihren Bedürfnissen und Problemen. Nach dem deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth befinden wir uns alle in einem immerwährenden „Kampf um Anerkennung“. Der Mensch existiert demnach als Individuum mit Würde nur dank der Wertschätzung seiner Mitmenschen. Es geht immer darum, dass man sich wechselseitig anerkennt.

Diese Anerkennung kann also ein erster Schritt sein, um mehr Dialog zu erreichen. Man wird nie alle Bedürfnisse erfüllen und Kompromisse suchen müssen. Dennoch kann man den anderen das Gefühl vermitteln: Ich sehe dich und das, was dich bewegt. Und dieses Bemühen sollte auch noch mehr in den Umgang mit dem Publikum einfließen. Etwa, indem Medien sich verstärkt mit ihren Leserinnen, Sehern, Hörerinnen, Usern austauschen und ihnen mit Anerkennung begegnen. Wenn man intensiver ins Gespräch kommt und noch besser erklärt, wie man als Medium arbeitet, kann man Vertrauen gewinnen oder zurückgewinnen. Und bleibt für die Lebenswelten der Menschen relevant, auch wenn TikTok und Co. locken.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.