Bayreuth, Wahnfried und die Macht des Mythos

Kultur / 30.06.2026 • 10:42 Uhr
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Michael Lemster erzählt die Geschichte der Wagner-Familie als menschliche Saga mit historischer Schärfe.Benevento

„Die Wagners“ erzählt von musikalischer Strahlkraft, familiärem Ehrgeiz und historischer Verantwortung.

Schwarzach Rechtzeitig vor dem 150. Gründungsjubiläum der Bayreuther Festspiele legt Michael Lemster mit „Die Wagners“ eine Familiengeschichte vor, die den Mythos Richard Wagner als Ausgangspunkt einer Dynastie erzählt. Der Untertitel verspricht eine menschliche Saga, und genau darin liegt die Stärke des Buches: Lemster interessiert sich nicht allein für Werkgeschichte und Ruhm, sondern für die Menschen, die aus Wagners Erbe Verpflichtung und Machtanspruch machten.

Im Zentrum steht Richard Wagner, der mit Opern wie „Tristan und Isolde“ und dem „Ring des Nibelungen“ Musik, Sprache und Theater zu einem neuen Anspruch verdichtete. Doch Lemster belässt es nicht bei der bekannten Erzählung vom revolutionären Genie. Er zeigt, wie aus künstlerischer Radikalität, Selbstinszenierung und politischer Aufladung ein Familienprojekt entstand, das weit über den Tod des Komponisten hinauswirkte. Cosima Wagner, Haus Wahnfried und das Festspielhaus erscheinen dabei als Bühnen einer wirksamen Erinnerungspolitik.

Begabung, Ehrgeiz und historische Verantwortung

Sachlich überzeugend ist, dass Lemster Licht und Schatten nicht gegeneinander ausspielt. Die Faszination der Werke wird ebenso ernst genommen wie der Antisemitismus, die Machtgier innerhalb der Familie und die politischen Verstrickungen bis in die NS-Zeit. Dadurch vermeidet das Buch sowohl Verehrungspathos als auch bloße Abrechnung. Es schildert die Wagner-Geschichte als ein Geflecht aus Begabung, Ehrgeiz, Abhängigkeiten und historischer Verantwortung.

Der Ton ist auf Lesbarkeit angelegt: Kulturgeschichte wird nicht akademisch abgeschottet, sondern erzählerisch zugänglich gemacht. Das ist für ein breiteres Publikum ein Gewinn, weil die komplizierte Familien- und Wirkungsgeschichte überschaubar bleibt. Der Preis dafür könnte sein, dass manche musikhistorische oder politische Vertiefung hinter der großen Linie zurücktritt. Doch als Einführung in die Wagner-Dynastie und ihre Bedeutung für die deutsche Kulturgeschichte erfüllt das Buch seinen Zweck.

„Die Wagners“ ist damit eine zeitgemäße Annäherung an eine Familie, deren Name bis heute Bewunderung, Widerspruch und Unbehagen auslöst. Lemster macht deutlich, dass Bayreuth nicht nur ein Ort der Kunst ist, sondern auch ein Ort der Deutungskämpfe. Gerade darin liegt die Aktualität dieser Familienbiografie.