Erinnern an Mut und Menschlichkeit

Kultur / 16.07.2026 • 14:34 Uhr
Ausstellungsansicht_Delphina-09._c_Fischer_Rene.jpg
Persönliche Erinnerungsstücke, historische Dokumente und künstlerische Arbeiten machen Delphina Burtschers Geschichte sichtbar. Rene Fischer

Das vorarlberg museum widmet Delphina Burtscher und drei Deserteuren eine Ausstellung.

Bregenz Ab 18. Juli zeigt das vorarlberg museum die Ausstellung „Delphina und drei Deserteure“. Im Mittelpunkt steht Delphina Burtscher aus dem Großen Walsertal, deren Geschichte von Krieg, Verfolgung, Widerstand und familiärem Zusammenhalt erzählt. Die Schau ist bis 21. März 2027 zu sehen. Begleitend erscheint im Residenz Verlag die Graphic Novel „Delphina“.

Ausstellungsansicht_Delphina-12._c_Fischer_Rene.jpg
„Delphina und drei Deserteure“ zeigt, wie Geschichte in Familien weiterlebt und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Rene Fischer

Delphina Burtscher wurde 1926 auf einem abgelegenen Bergbauernhof in Küngswald oberhalb von Sonntag geboren. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Mit Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg geriet diese Welt aus den Fugen. Während immer mehr Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, blieb die Verantwortung für Hof und Familie häufig bei den Frauen.

Ausstellungsansicht_Delphina-10._c_Fischer_Rene.jpg
Rene Fischer

Auch Delphinas Brüder Willi und Leonhard wurden zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Tod der Mutter kehrten sie nach einem Heimaturlaub nicht mehr an die Front zurück. Gemeinsam mit Martin Lorenz, Delphinas Verlobtem, versteckten sie sich rund ein Jahr lang im Wald und bauten eine Widerstandsgruppe auf. Delphina versorgte die Männer mit Lebensmitteln und trug Verantwortung für den Hof und wurde damit Teil eines Netzwerks.

Ausstellungsansicht_Delphina-04._c_Fischer_Rene.jpg
Rene Fischer

Nach rund einem Jahr wurden die Deserteure verraten. Leonhard gelang die Flucht, Willi Burtscher und Martin Lorenz wurden verhaftet, zum Tod verurteilt und am 8. Dezember 1944 in Graz enthauptet. Auch Delphina wurde inhaftiert: erst 18 Jahre alt, schwanger von Martin Lorenz, gemeinsam mit ihrer Schwester Juliana. Kurzzeitig wieder freigelassen, musste sie nach der Geburt ihrer Tochter Maria erneut ins Gefängnis. Erst im Juni 1945 kehrte sie in die Freiheit zurück – zu einem Kind, das sie zunächst nicht wiedererkannte.

Das Gute haben wir genossen

Doch die Befreiung bedeutete nicht das Ende des Leids. Die Familien der Hingerichteten kämpften über Jahre um Anerkennung und Entschädigung. Anträge nach dem Opferfürsorgegesetz wurden mit der Begründung abgelehnt, die Unterstützung der Deserteure sei nicht politisch motiviert gewesen. Delphina Burtscher ließ sich dennoch nicht brechen. Sie gründete eine Familie, wurde Mutter von acht Kindern und Großmutter von 18 Enkelkindern. Trotz Verlust und Krisen bewahrte sie sich Humor, Lebensfreude und Zuversicht.

Ausstellungsansicht_Delphina-07._c_Fischer_Rene.jpg
Rene Fischer

Die Ausstellung erzählt diese Geschichte nicht als abgeschlossenes Kapitel. Sie fragt, wie Erinnerung entsteht, weitergegeben wird und sich über Generationen verändert. Zu sehen sind Erinnerungsstücke, historische Dokumente und Fotografien. Audio-Interviews machen hörbar, welche Bedeutung Delphinas Geschichte bis heute besitzt.

hof_familie_burtscher.jpg
Nachlass Familie Burtscher

Eine Fotoserie von Sarah Schlatter führt an Schauplätze im Großen Walsertal sowie an Orte der Haft und Verfolgung. Parallel erscheint die Graphic Novel „Delphina“, herausgegeben von Delphinas Enkelinnen Lydia Arantes und Sarah Kühne. Das Werk mit rund 200 Illustrationen verbindet historische Genauigkeit mit zeitgenössischem Erzählen und eröffnet vor allem jüngeren Menschen einen Zugang zu dieser Geschichte.

Delphina_Burtscher__c__Nachlass_Familie_Burtscher (1).jpg
Nachlass Familie Burtscher

Die Ausstellung und die Graphic Novel zeigen, dass diese Geschichte weit mehr ist als ein Kapitel regionaler Zeitgeschichte. Sie erzählt von Menschen, die in einer Zeit von Diktatur und Krieg Entscheidungen treffen mussten. Und sie erinnert daran, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Sie lebt in Familien weiter, in Erzählungen, Bildern und Erinnerungen und in den Fragen, die jede Generation neu an die Vergangenheit stellt. Den treffendsten Schlusspunkt setzt Projektleiterin Lydia Maria Arantes : „Unser Omile hat ‚das Gute genossen und das Schlechte überwunden‘. Das war keine Floskel. So hat sie gelebt. Sie hat auch geweint, aber vor allem hat sie viel gelacht.“