Mit Stricknadeln durch den Krieg: Die Bürserin Nella Stepien wird 100.

VN / 02.07.2026 • 12:50 Uhr
Mit Stricknadeln durch den Krieg: Die Bürserin Nella Stepien wird 100.
Anita Bruno (80) und Mama Nella “Nelly” Stepien (99). VN/DJSOHM

Im Krieg wurde die junge Nelly zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Weil sie besonders gut stricken konnte, schickte man sie von Bauernhof zu Bauernhof.

Bürs Am 3. Juli 2026 feiert die Bürserin im Sozialzentrum Bürs ihren 100. Geburtstag. Ein Jahrhundert Leben liegt hinter ihr – geprägt von Krieg, Wiederaufbau, Familie und einer Arbeitswelt, die bis heute spürbar ist.

Mit Stricknadeln durch den Krieg: Die Bürserin Nella Stepien wird 100.
Nella Stepien hat die guten Gene ihrer Mutter. VN/DJSOHM

Geboren wurde Nella Stepien am 3. Juli 1926 in Bludenz. Als Einzelkind wuchs sie zunächst in der Alpenstadt auf, ehe die Familie 1938 nach Bürs übersiedelte. Ihr Vater arbeitete bei der Eisenbahn, die Mutter führte den Haushalt. Luxus gab es keinen. Dafür einen klar geregelten Alltag.

2 x täglich zu Fuß von Bürs nach Bludenz

“Von Bürs mussten wir jeden Tag nach Bludenz in die Schule laufen. Bei Wind und Wetter”, erinnert sich die Jubilarin. Busse oder Autos waren damals keine Selbstverständlichkeit. Also wurde gelaufen, Tag für Tag.

Die junge Frau besuchte die Handelsschule, doch der Krieg durchkreuzte viele Lebenspläne ihrer Generation. Mit etwa 18 Jahren wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Die Männer waren an der Front, die Frauen mussten ihre Arbeit übernehmen.

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Die junge Nella Stepien in den 1940er-Jahren. Privat

Stricken im Kriegsdienst

Nella Stepien wurde auf Bauernhöfen eingesetzt. Dort putzte sie, half bei der Ernte und erledigte die Arbeiten, die anfielen. Bald bemerkten die Bäuerinnen jedoch ihre besondere Begabung. “Ich habe gerne gestrickt. Das ist allen aufgefallen”, erzählt sie mit einem Lächeln.

Von da an wurde sie von Hof zu Hof geschickt. Während andere schwere Feldarbeit verrichteten, saß die junge Vorarlbergerin oft mit Wolle und Nadeln da und strickte für die Bauernfamilien. Pullover, Handschuhe, Mützen – gebraucht wurde alles.

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Die Lünerseefabrik in Bürs. VN/DJSOHM

Auch die Mutter musste Kriegsarbeit leisten. Sie arbeitete am Lünersee, wo während des Krieges ein bedeutender Industriestandort mit Zwangsarbeitern betrieben wurde. Mutter und Tochter waren getrennt, beide im Dienste eines Systems, das den Alltag der Menschen vollständig bestimmte.

Nach Kriegsende begann für Nella Stepien ein neues Kapitel. Sie arbeitete zunächst in der Buchhaltung der Bezirkshauptmannschaft Bludenz, wo damals auch die Polizeiverwaltung angesiedelt war. Später wechselte sie zu Getzner und blieb dort viele Jahre beschäftigt.

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Ein Hochzeitsfoto von Nella und Jean Stepien. Privat

Familie gibt Halt

Noch wichtiger als jede berufliche Station wurde für sie jedoch die Familie. Ihren Mann Jean lernte sie während der Besatzung in einem Tanzlokal kennen. Nachdem sie ihm in kürzester Zeit die deutsche Sprache beibringen konnte, wurde geheiratet. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor – heute ist ihre älteste Tochter 80 Jahre alt, die mittlere 75 und die jüngste 74. Jean Stepien ist bereits vor 20 Jahren verstorben. Ein Satz bringt die Prioritäten der bald Hundertjährigen bis heute auf den Punkt: “Dass es den Kindern gut geht, das ist das Wichtigste.”

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Anita Bruno besucht ihre Mama Nelly Stepien fast täglich. VN/DJSOHM

Tochter Anita Bruno beschreibt ihre Mutter als streng, aber herzlich. “Früher war sie sehr streng. Heute ist sie viel milder geworden”, sagt die 80-Jährige und lacht. Dass sie ihre Mutter noch immer besuchen und gemeinsame Essen genießen kann, empfindet sie als großes Geschenk. “So lange eine Mama zu haben, das ist eine Gnade.”

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Nella Stepien mit ihrem Mann und den drei Töchtern in den 1930er-Jahren. Privat

Nella Stepien macht kein großes Geheimnis aus ihrem Leben. “Ich habe nicht geraucht, nicht getrunken und viel gearbeitet.” Die Stricknadeln hat sie jedenfalls nie ganz aus der Hand gelegt. Fersen stricken? “Ja, freilich”, antwortet sie sofort.

Hundert Jahre nach ihrer Geburt wohnt Nella Stepien im Sozialzentrum Bürs, nimmt an Singrunden teil, löst Rätsel und spielt “Mensch ärgere dich nicht”. Zum Geburtstag wird groß gefeiert. Die Bürgermusik spielt auf, eine Rikschafahrt ist geplant. Danke, Nelly, kann ich da nur sagen.