Kommentar: Lyhanna lebt hier nicht mehr
Sie war elf Jahre alt, als sie vergewaltigt und ermordet wurde. Anfang Juni fand man die Leiche von Lyhanna im ländlichen Département Gers im Südwesten Frankreichs. Der Körper des Mädchens lag in einem Getreidesilo, der Verdächtige war schnell gefunden. Der mutmaßliche 41-jährige Sexualstraftäter, in dessen Auto Lyhanna zuletzt gesehen wurde, war schon in der Vergangenheit mehrfach wegen Vergewaltigung Minderjähriger angezeigt worden, folgenlos. Aktuell liegt seit 2025 eine Anzeige wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen gegen ihn vor, er war in diesem Fall bisher nicht einmal verhört worden.
Wie konnte dieser Mann überhaupt noch frei herumlaufen? Diese Frage haben auch Zehntausende gestellt, die am vergangenen Samstag in mehreren französischen Städten gegen sexuelle Gewalt protestiert haben. 180 Verbände haben sich für die Demonstrationen zusammengeschlossen und fordern jetzt ein umfassendes Gesetz statt “Einzelmaßnahmen und -gesetzen”, um die leider alltägliche sexuelle Gewalt im Land effektiv zu bekämpfen. Der Arzt Gilles Lazimi, Gründer einer Organisation gegen Gewalt an Kindern, nennt erschreckende Zahlen: 160.000 Kinder, mehrheitlich kleine Mädchen, werden jedes Jahr Opfer von sexualisierter Gewalt. Und 70.000 unbearbeitete Dossiers liegen bei der Justiz.
Gegen das Schweigen
Diese Dossiers sollen bis zum 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, abgearbeitet werden, hat nun Justizminister Gérald Darmanin erklärt. Ein Versprechen, das so schnell kaum einzulösen sein wird. Auch bessere Gesetzgebung, mehr Mittel für Landgerichte oder Bürokratieabbau in der Justiz werden an den tiefer liegenden Gründen des großen Ausmaßes sexualisierter Gewalt wenig ändern können. Unsere Gemeinschaften müssen die gesellschaftliche Anstrengung auf sich nehmen, endlich eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich kein Opfer von Gewalt oder Übergriffen schämt und meint, sich dem großen Schweigen unterwerfen zu müssen. Sondern gesehen und gehört wird. Gerade auch Kinder brauchen Bestärkung, um Missbrauch entgehen zu können oder Täter zu benennen.
Es war die Französin Gisele Pelicot, die im Oktober 2024 bewusst ein öffentliches Verfahren gegen ihren früheren Ehemann und seine Mittäter wählte, um den unbekannten Opfern von unter Betäubung verübten Vergewaltigungen ein Gesicht zu geben. Sie kämpfte damit gegen alte Bilder an, die nicht nur in Frankreich nach wie vor weit verbreitet sind: gegen die Vorstellung mancher Männer, Frauen und Kinder seien ihr Eigentum. Solchen Menschen und ihren Taten müssen Politik und Gemeinschaft mit aller Entschlossenheit entgegentreten, um andere vor dem Schicksal von Lyhanna zu bewahren.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.
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