Early Birds am Bodensee: “Wenn der See noch schläft, beginnt unser Tag im Wasser”

Während viele noch schlafen, treffen sich morgens um sechs bereits Dutzende Frühschwimmer. Zwischen Sonnenaufgang und spiegelglattem Wasser geht es um weit mehr als Sport.
BREGENZ Noch liegt der Bodensee spiegelglatt da. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich hinter dem Pfänder hervor, Möwen ziehen ihre Kreise, das Wasser ist beinahe lautlos, 24,5 Grad. Während viele noch schlafen, steigen am Segelhafen in Bregenz bereits die ersten Menschen ins Wasser. Sie nennen sich nicht so, doch längst sind sie eine kleine Gemeinschaft geworden: die Early Birds.

Auch für Daniela (35) und Manuel Müller (38) aus Bregenz gehört das Morgenschwimmen mit Boje seit Jahren zum Sommer. “Wir wohnen nur drei Minuten vom See entfernt. Wenn der Sommer endlich da ist, muss man ihn einfach nutzen”, sagt Daniela Müller. Für das Ehepaar gibt es kaum einen schöneren Start in den Tag als fünf bis zehn Minuten im Bodensee, bevor die Arbeit beginnt.

Der kleine Morgen-Triathlon
Eine der Early Birds ist Hedwig Fink. Die Bregenzerin ist 85 Jahre alt und kommt fast täglich mit dem Fahrrad an den See. “Ich stehe meistens um sechs Uhr auf, schaue zuerst zum Fenster hinaus, trinke etwas und fahre dann mit dem Rad hierher”, erzählt sie.
Warum sie sich das antut, wenn der See auch mittags noch da wäre? Sie lacht. “Dann ist es nicht mehr angenehm. Jetzt ist es schön. Die Sicht, die Weite, die Freude.” Etwa 20 Minuten bleibt sie im Wasser. Danach geht es im Laufschritt zurück zum Fahrrad und wieder nach Hause. “Ich mache Triathlon am Morgen”, sagt sie schmunzelnd. Radfahren, schwimmen, laufen – alles noch vor dem Frühstück.

Der See gehört uns allein
Auch Christl König ist 82 Jahre alt. Für sie beginnt mit dem Morgenschwimmen ein guter Tag. “Man hat wieder Energie und nicht diese Hitze. Das ist sehr wichtig”, sagt sie. Vor allem aber genießt sie die Ruhe. “Mittags sind zu viele Menschen da. In der Früh gehört der See noch mir.”

Diese besondere Stimmung beschreiben viele der Frühschwimmer. Das Wasser ist ruhig, kaum Boote sind unterwegs, die Luft ist frisch. Wer regelmäßig kommt, kennt sich inzwischen untereinander. Es entstehen kurze Gespräche am Steg, ein freundliches Winken oder ein gemeinsamer Kaffee nach dem Schwimmen.
Sicher unterwegs mit der Boje
Die 84-jährige Eva Gertzabeck verlässt sich auf eine Boje. “Wenn irgendetwas wäre, findet man mich wenigstens”, sagt sie mit trockenem Humor. Sie schwimmt quer über den See bis zum Badehaus bei der Mehrerau und wieder zurück – gemütlich, ohne Zeitdruck. Rund 30 bis 40 Minuten dauert ihre Runde. “Es ist einfach schön. Der See ist glatt, es sind wenige Leute da und alle sind angenehm”, sagt die Schwimmerin.

Zurück ins Leben schwimmen
Dass das Wasser auch heilen kann, erzählt Maria Degen aus Augsburg. Die 64-Jährige besucht derzeit einen Freund in Bregenz und nutzt die Gelegenheit für ihre morgendliche Schwimmrunde. “Ich war früher Langschläferin. Je älter man wird, desto früher wacht man auf”, erzählt sie. Schwimmen gehört für sie längst zum Alltag – auch im Winter. Nach einer Brustkrebserkrankung hilft ihr die Bewegung, gesund zu bleiben.


Vor dem Zeugnis mit der Mama schwimmen
Corinna Ried ist mit ihrem Sohn Lukas aus Fußach gekommen. Der Grund ist ein besonderer: Die Ferien gehen los, und das wird mit Schwimmen gefeiert. “Wir gehen jetzt schnell schwimmen und treffen Freunde. Die machen heute genau das Gleiche”, erzählt seine Mutter. Lukas kann mit seinem Schuljahr zufrieden sein. “Ich habe lauter Einser und ein paar Zweier”, sagt der Zwölfjährige stolz, bevor es gemeinsam ins Wasser geht.


Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Early Birds. Sie kommen nicht wegen Bestzeiten oder Trainingsplänen. Sie kommen wegen der Stille, der Gewohnheit und des Gefühls, den Tag bereits gewonnen zu haben, bevor die Stadt richtig erwacht.