Schicksalsschläge und stille Zeugen: Industrie und Handel in Fußach

Bodenseedorf zwischen verpassten Chancen, frühem Unternehmertum und vergessenen Fabriken.
Fußach Fußach hatte es nie leicht. Der sumpfige Grund am Bodensee taugte kaum für Landwirtschaft – doch was die Natur an Ertrag verweigerte, bot sie anderswo: einen Hafen an der Handelsroute über den Splügenpass nach Mailand und die Fußach als nutzbares Fließgewässer. Alles schien bereit für die Industrialisierung – doch die Geschichte wollte es anders.
Gleich mehrere Schicksalsschläge trafen den Ort: 1872 die Bahnlinie Lindau–Bludenz, die Fußach links liegen ließ; die Verlandung des Hafens; und der Rheindurchstich 1900, der der Fußach als Wasserweg endgültig die Bedeutung nahm. Dabei hatte der Ort früh eine wichtige Rolle im Handel übernommen. Im Auftrag der Handelsstände von Lindau und Konstanz wurde eine Faktorei gegründet, über die Güter verzollt und verteilt wurden. Als Mitarbeiter des späteren Faktors Josef Anton Schneider fungierten Josef Weiß und Johann Kasimir Weiß – zwei Namen, die Geschichte schreiben sollten: Ihr Speditionshandel unter Gebrüder Weiss entwickelte sich zum größten privaten Transport- und Logistikunternehmen Österreichs.

Spinnerei in Mühlwasen
1825 errichtete Johann Baptist Blum junior im Bereich Mühlwasen eine Spinnerei an der Stelle einer ehemaligen Hanfreibe. Ein Jahr später auf drei Stockwerke erhöht, spannen hier 1828 rund fünfzig Mitarbeiter an vier Maschinen mit 216 Spindeln. Ein Hochwasser 1830 richtete schwere Schäden an; 1834 ersteigerte Konrad Gysi die Anlage für das Handlungshaus Trümpeler & Gysi. Er baute rasch aus, ließ 1835/36 Arbeiterwohnhäuser errichten und erreichte 1842 den Status einer Landesfabrik mit 140 Mitarbeitern. Nach seinem Tod verkaufte sein Schwiegersohn Karl Freiherr von Seyfferitz die Fabrik an die Rheinbauleitung. Die Anlage verfiel und fiel nach dem Zweiten Weltkrieg einem Brand zum Opfer. Heute erinnern nur die Fallenstraße und Überreste eines alten Wasserfalles an den einstigen Betrieb.

Gefangenenlager
Kleine Stickereien gab es wie überall im Rheintal auch in Fußach. An der Landstraße noch erhalten sind die 1906 erbauten Räumlichkeiten der ehemaligen Stickerei des Walzenhauser Fabrikanten August Sturzenegger, heute als Stickerei Schweninger bekannt. Der Bau mit zweigeschossigem Kopfbau wurde 1941 als Gefangenenlager für Zwangsarbeiter missbraucht. Ebenfalls erhalten ist die ehemalige Sockenfabrik Steuer in Birkenfeld, bekannt für ihre feinen Jacquardmuster in jeder Preisklasse.
Ein gänzlich verschwundener Industriezweig ist die Ziegelei, die lehmige Bodenseeablagerungen nutzte und bis in die 1960er-Jahre betrieben wurde. Die Familie Kuster hatte ihre erste Ziegelei bereits Ende des 18. Jahrhunderts in Betrieb. 1874 trat Josef Anton Nagel als Ziegler in Erscheinung; sein Betrieb wurde 1895 neu aufgebaut, die Führung übernahm der Schweizer Ernst Schmidheiny mit etwa vierzig Mitarbeitern. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wechselte die Ziegelei zu Alois Ochsenreiter, dessen Sohn Fidel sie bis 1966 weiterführte. Heute steht an dieser Stelle das Werk 5 des Beschlägeherstellers Julius Blum. MEC