Das Gedächtnis des Bodensees

Florentina Holzingers „Bodensee-Étude“ wurde zu einem eindrucksvollen Ritual zwischen Mythos und Gegenwart.
Bregenz Auf den voll besetzten Sunset-Stufen und dem ebenso dicht gefüllten Bregenzer Molo erlebte das Publikum am Samstagnachmittag bei Sonne und großer Hitze Florentina Holzingers „Bodensee-Étude“. Der See blieb darin nicht bloß Hintergrund, sondern wurde zum Mitspieler: als Naturraum und historischer Speicher, als dunkle Tiefe, Mythenschicht und akustischer Körper.

Schon der Beginn hatte etwas Dramatisches. Mehrmals kam ein Hubschrauber vom Festspielhaus herüber, die Glocke unter sich, kreisend, bei jeder Rückkehr immer stärker schwingend. Das Bild verband Spektakel und Ritual: ein technischer Vogel über dem Wasser, darunter ein archaisches Klangzeichen. Dann ließ der Hubschrauber die Glocke ins Wasser fallen und drehte in wilder Kurve ab. Holzinger, das war nun zu ahnen, würde den Bodensee nicht romantisieren, sondern ihn befragen und beschwören.

Vier Schlagzeugerinnen, die der Performance als Liveband ihren Puls gaben, begannen zunächst fast meditativ. Ihre Rhythmen tasteten sich an den Ort heran, als suchten sie den Herzschlag des Sees. Allmählich verdichtete sich das Spiel, wurde körperlicher, drängender und rauschhafter. Als eine Frau vom Ufer zum Kran hinüberschwamm, verschob sich die Szenerie. Was eben noch Wasserfläche und Sommerstimmung gewesen war, wurde zum Ritual der Bergung; der Kran, diese nüchterne Maschine, verwandelte sich in ein mythologisches Werkzeug.

Ein eiserner Ring hob sechs Körper aus dem Wasser. Zuerst wirkten sie wie Leichen, wie geborgene Überreste einer versunkenen Geschichte bis sie sich zu langsam bewegen begannen. Aus dem Bild des Todes wurde eines von höchster Spannung: Mit unglaublicher Körperbeherrschung tanzten sich die Gestalten in die Musik hinein, schwebten und rotierten, als wären sie zugleich Wasserwesen, Fallschirmspringerinnen und Untote. Bis in rund zehn Meter Höhe wurden sie gezogen. Diese Mischung aus Gefahr, Schönheit und Kontrolle prägte sich ein. Holzinger vertraut dem Körper als Instrument, als Resonanz und als Widerstand gegen das Versinken.

Dass ein kleines Malheur mit einem Seil kurz behoben werden musste, störte kaum – eher erinnerte es daran, dass diese Kunst nicht aus glatter Perfektion besteht, sondern aus Risiko, Material, Wetter und menschlicher Präsenz.

Der stärkste Moment gelang, als der Ring jene Glocke wieder aus dem Wasser hob, die der Hubschrauber zuvor versenkt hatte. In ihr hing nun kein Klöppel, sondern eine Frau, Florentina Holzinger selbst. Sie wurde zum lebenden Inneren des Instruments, läutete die Glocke und machte das Motiv körperlich: Warnsignal und Ritualobjekt, Erinnerungsmaschine und Alarm in einem. Die Bodensee-Mythen von versunkenen Glocken, Wassermännern, Undinen und Teufeln illustrierte Holzinger nicht, sie zog sie in die Gegenwart und machte sie hörbar und verletzlich. Dass der Vorarlberger Künstler FLATZ der Performance beiwohnte, fügte diesem Bild eine zusätzliche kunsthistorische Resonanz hinzu: Er hatte sich in seiner legendären Aktion „Demontage IX“ in der Silvesternacht 1990/91 in der alten Synagoge von Tiflis selbst wie ein Klöppel in einer Glocke hin- und herschwingen lassen.

Später zog Florentina Holzinger aus einem Boot eine überlebensgroße Platte, schwang und drehte sich mit ihr, immer schneller, als setzte sie ein Stück Geschichte in Bewegung. Am Ende nahm ein Boot die Darstellerinnen auf, die Schlagzeugerinnen sprangen ins Wasser und schwammen hinaus in den See. Da öffnete sich die Performance noch einmal ins Weite, hinein in eine Stille, die fast zu groß war.

Wer ein Finale mit Paukenschlag erwartet hatte, mochte enttäuscht sein. Die „Bodensee-Étude“ endete nicht, sie lief aus und verklang. Doch vielleicht lag darin ihre Konsequenz: Der See gibt keine eindeutigen Antworten, und Holzinger verweigerte die bequeme, dramatische Schlussgeste. Zurück blieb das Gefühl, an einem der schönsten Plätze der Welt gemeinsam mit Tausenden Menschen einen friedlichen, intensiven und außergewöhnlichen Kunstmoment erlebt zu haben.
