“Ich wünsch dir ein Haus aus Zimt” – Liebesbrief von 1675 ist ein Backrezept

Ein jüdischer Liebesbrief aus dem Jahr 1675 voller kostbarer Gewürze inspirierte das Jüdische Museum Hohenems zu einer neuen Hochzeitstorte.
HOHENEMS Nelken, Muskat, Zucker und schmeichelnde Worte: Was heute wie der Beginn eines außergewöhnlichen Backrezepts klingt, stammt tatsächlich aus einem rund 350 Jahre alten jüdischen Liebesbrief. Genauer gesagt aus einer Vorlage für einen Liebesbrief aus dem Jahr 1675, die im Jüdischen Museum Hohenems aufbewahrt wird. Nun hat dieser historische Text eine neue kulinarische Form gefunden – als Hochzeitstorte, die künftig im Museumscafé serviert wird.


Ein Text voller Zuneigung
“Eigentlich ist es gar kein Liebesbrief, sondern eher eine Vorlage dafür”, erklärt Dihna Ehrenfreund vom Jüdischen Museum. Weder Absender noch Empfänger seien bekannt. Dennoch erzählt der Text von Zuneigung – nicht mit großen Gefühlen, sondern mit Gewürzen. “Eine Frau mit Gewürzen zu vergleichen, war damals eine große Wertschätzung”, sagt Ehrenfreund.

Entstehung der Hochzeitstorte
Schon mit der Eröffnung des Museumscafés entstand die Idee, diese Geschichte auch geschmacklich erlebbar zu machen. Aus den im Brief erwähnten Zutaten entwickelte das Museum damals einen Hochzeitskuchen. Nachdem die bisherige Kuchenbäckerin in Pension gegangen war, machte sich das Museum gemeinsam mit dem Verein Ahna & Ähne daran, das Rezept neu zu interpretieren.

“Wir haben uns das Originalrezept angeschaut und für die heutige Zeit angepasst”, erzählt Barbara Gantner vom Backteam. Den größten Anteil daran hatte Hobbybäckerin Sabine Töplitzer. Sie probierte verschiedene Varianten aus, reduzierte die intensive Gewürzmischung und entwickelte Schritt für Schritt eine Version.

15 Torten zum Testbacken verbraucht
“Ich habe das Originalrezept möglichst genau nachgebacken”, erzählt Töplitzer schmunzelnd. “Essbar war das ehrlich gesagt kaum.” Der Kuchen sei extrem stark gewürzt gewesen. Damals habe Reichtum offenbar mehr gezählt als feine Balance. Nach rund 15 Backversuchen entstand schließlich die heutige Version. Statt Muskatblüte kommt etwa der feinere Macis zum Einsatz, die Gewürze wurden sorgfältig abgestimmt und der Kuchen mit Schokolade überzogen.

Geschmacklich erinnert der Kuchen an einen englischen Teekuchen – kompakt, würzig und nicht übermäßig süß. Eine tolle Kombination mit Charakter.
Über VN-Annonce auf den Verein gestoßen
Für Töplitzer ist das Projekt weit mehr als Backen. Die pensionierte Hobbybäckerin stieß vor zwei Jahren über eine Zeitungsannonce zum Verein Ahna & Ähne. “Es macht stolz, Teil eines solchen Projekts zu sein”, sagt sie. Besonders schätze sie, dass Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch erlebt werden könne.

Genau das ist auch das Ziel des Museums. Besucher können bei Führungen den historischen Liebesbrief kennenlernen und ihn sogar in westjüdischer Sprache anhören. Gruppen haben anschließend die Möglichkeit, die Hochzeitstorte im Museumscafé zu verkosten. Das Angebot ist Teil spezieller Genussführungen, die Kultur und Kulinarik verbinden.
Für Ehrenfreund schließt sich damit ein Kreis: Ein jahrhundertealter Brief voller Wertschätzung wird heute wieder lebendig – nicht nur in den Vitrinen des Museums, sondern auch auf dem Kuchenteller. Manchmal erzählt eben ein Stück Torte genauso viel Geschichte wie ein altes Dokument.