Ein neuer Orpheus in Salzburg

Kultur / 26.07.2026 • 13:06 Uhr
Ein neuer Orpheus in Salzburg
“Passion” wurde in Salzburg konzertant aufgeführt.SF/Jan Friese

Pascal Dusapins „Passion“ als intensive konzertante Oper in der Kollegienkirche

salzburg Eine Frauenstimme atmet hörbar, dann spinnen Flöte und Streicher den Klang weiter. Die Frau setzt leise und sehr hoch mit Gesang ein, der von einem Mann aufgenommen wird, eingebettet in einen farbigen Klangteppich. Die Atmosphäre ist von Anfang an exaltiert, es geht um existentielle Fragen. So beginnt Pascal Dusapins Oper „Passion“, die am letzten Donnerstag in der barocken Salzburger Kollegienkirche mit ihren puristisch weißen Wänden, vor denen der goldene Hochaltar nur umso mehr leuchtet, konzertant aufgeführt wurde. 

Seit 2012 beginnen die Salzburger Festspiele noch vor der offiziellen Eröffnung mit einem einwöchigen Prolog, der geistliche Musik und existentielle Themen in den Mittelpunkt stellt, mit Beispielen von der Renaissance bis in die Gegenwart. Im heurigen Jahr war das Motto „Miserere“: Man konnte etwa Bachs h-Moll-Messe oder das Miserere von Arvo Pärt hören. Und auch Dusapins 2008 uraufgeführte Oper, die den Orpheus-Mythos auf eigenwillige Weise weiterspinnt. Das Libretto verzichtet auf Namen und setzt auf Archetypen: „Lei“ (Sie) und „Lui“ (Er) treten in einen Dialog über Liebe, Verzicht, Begehren, Schmerz, Verlust und Leiden, „Gli Altri“ (die Anderen) kommentieren das Geschehen. Anders als bei Monteverdi, von dem sich Dusapin hat inspirieren lassen, gibt es keine klar strukturierte Handlung. In fast neunzig Minuten folgen Szenen aufeinander, die von instrumentalen Zwischenspielen unterbrochen sind und verschiedene Gefühlskonstellationen durchspielen, die sich manchmal auch wiederholen. So entsteht ein intensives emotionales und klangliches Erlebnis, das allerdings wenig strukturiert wirkt und nicht ganz der Gefahr von Längen entgeht.

Musikalisch war die Aufführung unter der Leitung des Dirigenten Franck Ollu in den besten Händen: Die französische Sopranistin Sarah Aristidou, Spezialistin für Neue Musik, die z. B. bei der Uraufführung von Thomas Larchers „Jagdgewehr“ bei den Bregenzer Festspielen 2018 mitgewirkt hat, gestaltete den herausfordernden, zeitweise extrem hohen weiblichen Part technisch brillant und dennoch mit menschlicher Wärme. Wie sie ihr Flehen nach Hilfe gestaltete, ihre Angst, dann wieder ihre Enttäuschung, das berührte. Kongenial der renommierte österreichische Bariton Georg Nigl, Lieblingssänger des Komponisten Dusapin, den man in Bregenz 2001 als Don Giovanni hören konnte. Er hat den kraftvolleren Part, betont immer wieder, dass „Sie“ ihn verlassen hat, beherrscht vom tonlos gehauchten Piano bis zu drängendem Forte alle Register. Dusapin setzt auch lautes Atemholen oder Seufzen als Stilmittel ein. Tadellos auch die sechsköpfige Schola Heidelberg (mit der Sopranistin Coco Lau, die im März beim Konzert mit Werken von Michael Floredo in Dornbirn mitwirkte) als „Gli Altri“.

Ganz besonders zur Wirkung trugen die siebzehn Mitglieder des Ensembles Modern bei, ein Streichquintett, neun Bläser, Harfe, Oud, Cembalo und Keyboard, die den ausgesprochen farbigen und abwechslungsreichen Orchesterpart gestalteten. Vor allem das Cembalo verlor sich immer wieder in träumerische Melodien, gegen Ende evozierte die Oud orientalische Atmosphäre, immer wieder wurden aber auch elektronische Effekte eingesetzt. Man hörte die ganze Zeit ein seltsames Zirpen – vielleicht war das der geheimnisvolle Fink, der einmal im Text auftaucht.

Ulrike Längle