Wenn Verzweiflung zu Schönheit wird

Benjamin Bernheim sorgte bei den Salzburger Festspielen für einen überwältigenden Opernabend.
Salzburg Der Triumph dieses Salzburger „Werther“ bündelt sich in einem Moment, der selbst für Festspielverhältnisse außergewöhnlich ist. Als Benjamin Bernheim im dritten Akt das Ossian-Lied „Pourquoi me réveiller“ anstimmt, erreicht die konzertante Aufführung im Großen Festspielhaus ihren überwältigenden Höhepunkt. Mit strahlender Höhe, vollkommen sicherer Linienführung und jener Mischung aus Verzweiflung, Leidenschaft und Entrückung, die aus einer Arie unmittelbares Theater werden lässt, entfaltet der französische Tenor eine Wirkung, der sich niemand im Saal entziehen kann. Der anschließende Jubel brandet minutenlang durch den Saal. Bernheim und Dirigent Alain Altinoglu verständigen sich mit einem Blick und wiederholen die Nummer.

Dabei ist dieser Höhepunkt nur einer von vielen in einer Aufführung, die Massenets lyrisches Drama mit klanglicher Sinnlichkeit und Spannung erfüllt. Bernheim ist derzeit wohl der ideale Werther. Sein Tenor besitzt Glanz und Geschmeidigkeit, kann sich in den leidenschaftlichen Ausbrüchen mühelos über das Orchester erheben und bewahrt doch jene verletzliche, schwerelose Qualität, die diese Figur braucht. Er gestaltet keinen selbstverliebten Schwärmer, sondern einen Menschen, dessen Empfindsamkeit jede Grenze verliert. Schon in den ersten Akten schwingen in seiner eleganten Phrasierung Einsamkeit und Verhängnis mit; im Finale verdichtet er den Schmerz zu erschütternder, niemals larmoyanter Todesnähe.

Adèle Charvet steht ihm als Charlotte mit warmem, dunklem Mezzosopran ebenbürtig gegenüber. Ihre Darstellung lebt weniger von großer Geste als von innerer Bewegung. In der Briefszene lässt sie die unterdrückten Gefühle Schicht um Schicht hervorbrechen, ohne die musikalische Linie preiszugeben. Die Spannung zwischen Pflichtbewusstsein und Begehren macht sie glaubhaft. Das Zusammenspiel mit Bernheim gewinnt eine Intensität, die auch ohne Bühnenbild unmittelbar wirkt. Sandra Hamaoui bringt als Sophie mit hellem, beweglichem Sopran Licht in die düstere Handlung, ohne die Figur zur bloßen Naiven zu verkleinern.
Werthers Absturz
Andrey Zhilikhovsky zeichnet Albert mit klarem Bariton nicht als eindimensionalen Gegenspieler, sondern als Mann, der die Gefahr erkennt, ihr aber nicht begegnen kann. Manuel Winckhler gibt dem Bailli Wärme und Profil, Tomislav Jukić und Andrew Moore setzen als Schmidt und Johann unangestrengte komische Akzente. Der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor verleiht den idyllischen Szenen jene Unschuld, vor deren Hintergrund Werthers Absturz umso schmerzlicher erscheint.

Im Zentrum des Abends steht neben Bernheim das Orchestre symphonique de la Monnaie unter Alain Altinoglu. Der Dirigent vermeidet sentimentales Klangbad ebenso wie bloß dekorative Eleganz. Er arbeitet die feinen Farbübergänge, die nervösen Unterströmungen und die aufbrechende Dramatik präzise heraus. Die Holzbläser zeichnen zarte Seelenlandschaften, die Streicher entfalten Wärme, ohne schwer zu werden, und in den großen Steigerungen entwickelt das Orchester eine Wucht, die dennoch transparent bleibt. Altinoglu atmet mit den Sängerinnen und Sängern, formt bisweilen sogar leise mitsingend ihre Linien mit, gewährt ihnen den nötigen Raum und hält zugleich den großen Spannungsbogen über alle vier Akte hinweg.
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Weil keine Regie mit Bildern und Deutungen dazwischentritt, richtet sich die Aufmerksamkeit ganz auf Massenets raffinierte musikalische Psychologie. So entsteht ein „Werther“, der die Schönheit dieser Musik feiert, ohne ihre Abgründe zu beschönigen, ein Abend von seltener vokaler und orchestraler Geschlossenheit. Wer sich beeilt, kann sich noch Karten für die zweite und letzte Aufführung am Samstagabend sichern – es lohnt sich.