“Bregenz hat einen Walfisch” – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus

VN / 29.07.2026 • 16:22 Uhr
"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Kunsthistoriker Dr. Karl Dörler vor dem geschichtsträchtigen Kirchenportal. VN/DJSOHM

Ein Wal, Maria Theresia am Hochaltar und Kammermusik, die direkt ins Herz geht: Die Sommerkirche lädt heuer zu außergewöhnlichen Highlights.

Bregenz Es ist still in der Pfarrkirche St. Gallus in Bregenz. Die Ruhe lässt den sakralen Ort des Glaubens noch kühler wirken als gewohnt, das Auge sieht Kunst, der Betrachter staunt. Wer diese Kirche betritt, sieht zunächst einen prachtvollen Barockraum, alles in sattem Weiß, voller Liebe im Detail – und wer genauer hinschaut, findet verborgene Schönheiten. Das Programm “Sommerkirche” ist eröffnet.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Im hinteren Bereich der St. Galluskirche finden Besucher nachmittags Schatten zur Entspannung. Siegfried Wameser

Schon die Architektur erzählt eine besondere Geschichte. Nachdem der Dachstuhl der gotischen Kirche 1737 eingestürzt war, entstand unter teilweiser Verwendung der alten Mauern ein barocker Neubau. Erhalten blieb vor allem der markante gotische Turm aus dem 15. Jahrhundert. Im Inneren beeindruckt bis heute die ungewöhnliche Breite des Kirchenschiffs – eine damals außergewöhnliche ingenieurtechnische Leistung.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Das breite Hauptschiff in der Pfarrkirche St. Gallus stellt eine Seltenheit dar. Siegfried Wameser

Politik und Religion

Besonders faszinierend ist für Besucher der Hochaltar. Das Gemälde zeigt die Geburt Christi mit den Hirten – Gott begegnet den Menschen auf Augenhöhe durch Christus, den Hirtenbub. Doch Dörler lenkt den Blick auf ein Detail, das viele zunächst übersehen: Rechts oben ist Maria Theresia dargestellt. Die damalige Landesherrin unterstützte den Altar finanziell und ließ sich damit zugleich als Herrscherin in unmittelbarer Nähe zur göttlichen Ordnung ins Bild setzen. “Das war eine politische Botschaft, die man damals durchaus verstanden hat”, erklärt Dörler.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Der Hochaltar verbirgt eine geheime Botschaft. VN/DJSOHM

Ein weiteres Glanzstück ist der Silberaltar. Seine kunstvoll gearbeiteten Silberreliefs stammen von Bregenzer Gold- und Silberschmieden, deren handwerkliches Können bis heute beeindruckt. Ergänzt wird der Altar durch Figuren regional verehrter Heiliger, die in Zeiten von Krieg, Pest und Not als Fürsprecher galten.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Der Silberaltar mit beeindruckender Geschichte birgt auch den Wal.VN/DJSOHM

Die Kirche wartet jedoch noch mit einer Besonderheit auf, die vor allem Kinder begeistert. Auf einem Relief des Silberaltars ist zwischen Oberstadt, Bodensee und biblischen Szenen tatsächlich ein Wal zu entdecken. Er erinnert an die Geschichte des Propheten Jona und sorgt regelmäßig für staunende Gesichter. “Damit haben wir sogar einen Wal im Bodensee”, sagt Dörler schmunzelnd.

Kammermusik als Brücke zur Spiritualität

Neben den Kirchenführungen im August 2026 setzt die Bregenzer Sommerkirche auch musikalische Akzente. Das Eufonia Ensemble gestaltet heuer gleich zwei unterschiedliche Veranstaltungen: Einerseits begleitet das Ensemble als Quartett einen Gottesdienst mit Werken von Haydn und Mozart in der St. Galluskirche, andererseits lädt es zu einem Benefiz-Kammerkonzert in Trio-Besetzung zugunsten der Herz-Jesu-Kirche (im Austriahaus) ein.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Ehepaar Stephan und Shamita Achenbach-König sind das Eufonia Ensemble. VN/DJSOHM

Für die Musiker liegt gerade in der Kammermusik ein besonderer Reiz. Anders als im Orchester sei jeder Einzelne nahezu solistisch gefordert. “Man kann seine eigene musikalische Persönlichkeit viel stärker einbringen”, erklärt Geiger Stephan Achenbach. Die intime Besetzung ermögliche zudem einen unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Gerade in kleineren Räumen entstehe eine Atmosphäre, in der Musik besonders intensiv wahrgenommen werde.

"Bregenz hat einen Walfisch" – er schwimmt in der barocken Pfarrkirche St. Gallus
Shamita Achenbach-König (61) lebt in Wien und spielt seit ihrer Kindheit Cello. VN/DJSOHM

Cellistin Shamita Achenbach beschreibt das Musizieren sogar als spirituelle Erfahrung. Ein gelungenes Konzert beginne mit völliger Konzentration und führe schließlich in einen Zustand, der an Meditation erinnere. “Musik kommt aus einer anderen Welt”, sagt sie. “Sie führt uns beim Zuhören und Musizieren dorthin zurück.” Besonders Live-Konzerte lebten vom Austausch zwischen Publikum und Künstlern. Wenn der Funke überspringe, entstehe ein gemeinsames Erlebnis, das weit über das Konzert hinauswirke. “Wir möchten den Menschen etwas mitgeben, das sie in ihrem Herzen mit nach Hause tragen”, sagt Shamita Achenbach.

Sommerkirche Vorarlberg

  • Benefizkonzert mit dem Eufonia Trio am 8. August um 20 Uhr im Austriahaus.
  • „Kunst zum Gottesdienst“ mit dem Achenbach Quartett am 9. August in der Pfarrkirche St. Gallus.
  • Führungen mit Karl Dörler auf Anfrage
  • www.sommerkirche.at