“Die 2” zwischen Highway und Herzblut

Martin Rinderer und Martin Hämmerle über ihre WM zwischen Perfektion, Flexibilität und Teamgeist.
Feldkirch Es war Anfang Mai 2024, als wir uns in Schwarzach vor einem Großereignis getroffen haben. Die EM-Endrunde stand bevor und die beiden Martins erwiesen sich als äußerst musikalisch. Zwei Jahre später kamen wir in Feldkirch zusammen. Die FIFA-WM 2026 ist vorbei, der Nachklang ebbt langsam ab und die internationale Kritik am FIFA-Chef wird ob der horrend gestiegenen Einnahmen für den Weltverband merklich weniger.
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All das ist Nebensache, wenn sich drei Menschen sehen, die gut miteinander können und deren sportliches Herz für Fußball schlägt. Und so interessiert mich vor allem, wie Martin Rinderer und Martin Hämmerle über den Vergleich EM vs. WM denken. “Alles viel größer, alles viel mehr geplant, weil noch mehr Sicherheit, aber …” Und genau bei diesem “Aber” setzt unser Gespräch ein. Ihr Fußballgefühl setzt auf Deutschland 2024, ihr aktuelles Wahrnehmungsgefühl lässt in ihnen noch einmal die 39 Tage in den USA hochleben. Und dazu gehört vor allem jener 29. Juni, der Tag nach dem so hochemotionalen 3:3 gegen Algerien.

An diesem Tag nämlich stand für einmal Hämmerle im Mittelpunkt. Der Athletiktrainer, der so gerne akribisch im Hintergrund arbeitet, feierte an jenem Tag in Santa Barbara seinen 43. Geburtstag. Und der Zufall will es, dass er zusammen mit dem Teamchef feierte, allein Ralf Rangnick ist dem in Liechtenstein arbeitenden Athletiktrainer 25 Jahre voraus.
Herausfordernde Bedingungen
Zurück zur WM? “Es war herausfordernd”, erzählen beide unisono. “Wir haben sehr viel geplant. Aber am Ende haben wir lernen müssen, jeden Tag flexibel zu bleiben”, sagt Martin Rinderer. Lange Reisewege, kurzfristige Änderungen, enorme Sicherheitsvorkehrungen. Polizeikonvois sperrten mehrspurige Highways, damit die Mannschaft rechtzeitig ins Stadion kam. Für Europa kaum vorstellbar, in den USA während der WM der ganz normale Alltag.

Während Hämmerle, der berufsmäßig in Liechtenstein bei “KraftWerk:Körper” arbeitet, sich mit den Trainingsbedingungen auseinandersetzte und in den Hotels aus jedem Fitnessraum versuchte, das Maximum herauszuholen, bewegte Rinderer tonnenweise Material durch die Staaten. Denn Ernährung auf diesem Niveau bedeutet weit mehr als Speisepläne. Lebensmittel, Supplemente – Organisation und Timing müssen bei jedem Ortswechsel funktionieren. Jeder Fehler kann Leistung kosten.




Zwei Perfektionisten
In diesem Zusammenhang kamen wir im Gespräch selbstredend auf das sportliche Abschneiden des ÖFB-Teams zu sprechen. “Natürlich wollten wir mehr”, sagen sie, wobei für beide nicht so sehr die sportliche Performance bzw. die Umsetzung der Vorgaben Priorität hat, sondern vielmehr das Gespür, in den rund fünfeinhalb Wochen, die man zusammen verbracht hat, stets das Optimum angestrebt zu haben. Weil es am Ende auch darum geht, Dinge gemeinsam umzusetzen. “Für mich persönlich war es schon ein Learning. Denn ich bin jemand, der eine Sache bestmöglich, wenn nicht perfektionistisch, umsetzen möchte.”

Ein Denken, das auch Rinderer sehr viel Energie gekostet hat. “Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass ich mir zu wenig Zeit für mich selbst genommen habe”, blickt er zurück. Für die Eingewöhnung in seinen Arbeitsalltag als Ernährungsberater, im Fachjargon heißt es Performance Nutritionist (BSc, MSc), Spezialist für Psychoneuroimmunologie, Ernährungswissenschaftler, musste doch so manche Jetlag-Stunde überwunden werden.

Freund und Teamkollege Hämmerle hat für sich die WM gut abschließen können, auch weil er sich im Vorfeld vorgenommen hatte, jeden Moment bewusst wahrzunehmen und die Weltmeisterschaft wahrhaftig zu erleben. Deshalb suchte er nach dem Aus gegen Spanien bewusst den Moment, noch einmal allein im Stadion von Los Angeles zu stehen. Da werden bei mir sofort die Erinnerungen an 1990 wach, als der damalige DFB-Bundestrainer Franz Beckenbauer den WM-Triumph im Stadio Olimpico von Rom genoss. Der Vergleich mag weit hergeholt sein, doch Hämmerle präzisiert: “Keinen einzigen Tag hatte ich das Gefühl, dass es jetzt reicht. Erst als alles vorbei war, habe ich gemerkt, wie viel Kraft dieses Turnier gekostet hat.”










Für den Selbstständigen und beim Olympiazentrum arbeitenden Ernährungswissenschaftler Rinderer schloss sich mit der WM auch ein persönlicher Kreis. Betreute er doch schon viele Jahre zuvor die Nachwuchs-Nationalteams des ÖFB. Heute arbeitet er mit vielen Spielern zusammen, die er vor mehr als zehn Jahren quasi als Teenager kennengelernt hatte. Dazu zählen u. a. Konrad Laimer und Nicolas Seiwald, um nur zwei Namen zu nennen. Zu sehen, wie sich diese Generation entwickelt hat, erfüllt ihn durchaus mit Stolz.

Dabei hat sich aus seiner Sicht eines nie verändert: Die Grundlagen bleiben dieselben. Gute Ernährung, konsequente Wiederholung und saubere Abläufe. Trends kommen und gehen. Die Physiologie eines Spitzensportlers jedoch nicht.

Jetzt, da die große Show in den USA vorbei ist, ist es auch an ihnen, sich den heimischen Toptalenten zu widmen. Konkret heißt es: Das Vorarlberger Duo im Betreuerstab ist schon wieder in rot-weiß-roter Mission unterwegs, um beim Perspektivenlehrgang am ÖFB-Campus den Teamchef und seine Co-Trainer bestmöglich zu unterstützen. Dass mit Fabio Ebner, Felix Schertler, Felix Gort und Louai Saleh die Namen von vier Talenten aus dem Ländle auf der Einladungsliste stehen, erfüllte sie im Gespräch mit Vorfreude und entlockte ihnen den vielsagenden Spruch: “Mal schauen, was aus ihnen wird.”