“Viele haben einfach das Thema gewechselt” – Das stille Leid von Eltern, die ihr Kind verloren haben

Vom großen Glück zu großem Schmerz: Ein Vorarlberger Projekt soll das Tabuthema Schwangerschaftsverlust sichtbarer machen.
Bregenz “Nach meinem Schwangerschaftsverlust waren manche Leute im Dorf froh, mich nicht angetroffen zu haben, weil sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten”, erzählt Katrin Kaufmann aus Sibratsgfäll, die Mitglied der “VergissMichNicht – Sternenkind Fotografie” ist. Um auf das Thema aufmerksam zu machen, hat sich der ehrenamtliche Verein dafür eingesetzt, dass in vielen Vorarlberger Gemeinden sogenannte “Sternenbänkle” entstanden sind. Sternenkinder sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

“Häufiger, als man denkt”
Kaufmann verlor vor zwei Jahren die Zwillinge Thea und Bruno in der 24. Schwangerschaftswoche. Während sie mit ihrer Familie und engen Freunden gut darüber sprechen konnte, haben Außenstehende oftmals abgeblockt oder das Thema gewechselt. “Einerseits vermutlich, weil das Thema für sie selbst schwierig ist, und andererseits, weil viele denken, dass man über so etwas nicht redet”, sagt die 30-Jährige.
Es habe aber auch ältere Frauen gegeben, die Kaufmann von ihrem eigenen Schwangerschaftsverlust erzählten und meinten, dass es kaum jemand wisse, da es früher ein noch viel größeres Tabuthema war.

“Es sind mehr Menschen betroffen, als man vielleicht denkt”, erwähnt Andreas Uher, Obmann des Vereins. “In Vorarlberg gibt es laut einer Berechnung von 2024 unter Mitwirkung von Dr. Michael Rohde rund 1000 Fälle pro Jahr, wobei darin auch die sehr frühen Verluste miteingerechnet sind.” Das sei jede dritte oder vierte Schwangerschaft im Land.

Erinnerung und Unterstützung
Um auf das Thema aufmerksam zu machen und Anlaufstellen für Hilfesuchende zugänglicher zu machen, wurde das Projekt “Sternenbänkle – Orte der Erinnerung” initiiert. Schon im vergangenen Jahr wurde es in zwei Dutzend Gemeinden im Bregenzerwald umgesetzt, doch nun sind neue im ganzen Land hinzugekommen. Insgesamt sind es nun 37 Gemeinden mit 66 “Sternenbänkle”.
Dabei wird keine neue Bank aufgestellt, sondern eine Metallplakette mit Informationen zum Thema auf einer bereits vorhandenen montiert. Im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstag wurde auf Höhe des “Eispavillons am See” in Bregenz ein entsprechendes Schild angebracht.


Auf der Plakette befindet sich unter anderem ein QR-Code, der auf die Webseite des Vereins und bald auf den “SozialKompass.V” verweisen soll. Letzteres ist ein Projekt des Vereins unicum:mensch. Die vom Land finanzierte Online-Informationsplattform soll Menschen dabei helfen, rasch eine passende soziale Unterstützung in Vorarlberg zu finden – sei es zum Thema Arbeit, Wohnen, Gewalt oder Trauer.

Unterstützung
Yasmin Jäger, Leiterin des Österreichischen Hebammengremiums in Vorarlberg, ist Hebamme in Feldkirch und hat viel mit Sternenkindern zu tun. Die 39-Jährige bekommt die Sprachlosigkeit, die Liebe und den Schmerz der Betroffenen aus nächster Nähe mit: “Es sind Begegnungen, die zutiefst berühren.” In solchen Situationen bräuchten Eltern vor allem Menschen, die für sie da sind, zuhören und das Kind anerkennen. “Die ‚Sternenbänkle‘ zeigen den Familien, dass sie nicht allein sind und Trauer einen Platz in der Gesellschaft hat.”

Neben Angehörigen und Fachkräften wie Hebammen können auch ehrenamtliche Initiativen eine wichtige Stütze für Betroffene sein. Zum Beispiel bietet Sternen-Klar ehrenamtlich Rituale an, die Trost, Erleichterung oder Klarheit bringen können. Teil davon ist Andrea Frede (50) aus Bregenz, die im Jahr 2013 ihren Sohn Jakob in der 37. Schwangerschaftswoche verloren hat. Nach außen hin hat sie zwei Kinder. Aber wer sie kennt, weiß: Sie fühlt sich als dreifache Mutter.
