Teilzeit-Comeback aus Liebe zum Motorsport

Sportwagen statt Formel 1: Sportartikelhändler Philipp Brändle bleibt auch Ingenieur
Elkhart Lake In der multinationalen Truppe von BMW beim Sechsstundenrennen von Road America (Wisconsin) hört man auch einen leichten Vorarlberger Akzent. Denn Philipp Brändle, 39-jähriger Sportartikelhändler vom Arlberg, arbeitet in „Teilzeit“ seit einigen Monaten für den Münchner Autobauer bei seinem Langstreckenprogramm mit dem M Hybrid V8-Prototypen. Damit wechselte der Zürser nach sieben Jahren mit Fokus auf das von den Eltern übernommene Geschäft wieder zum Motorsport und von einem Premiumautobauer zum nächsten.
Denn Brändle war von 2013 bis 2019 bei Mercedes in der Formel-1-Zentrale in Brackley tätig. „Die ersten drei Jahre als Entwicklungsingenieur in der Aeroabteilung, die zweiten drei an den Rennstrecken als Aerodynamiker – Aero performance engineer wie das heißt. In der guten Zeit, in der wir auch Glück hatten“, erzählt Brändle. Damit ist auch er neben seinem Landsmann und Ex-Boss Toto Wolff sechsfacher Weltmeister und hatte dabei auch mit Team-Mitbesitzer Niki Lauda zu tun. „Auf die erfolgreichen Jahre bei Mercedes bin ich schon stolz, auch wenn ich nur einen kleinen Beitrag leisten konnte“, sagt Brändle bescheiden.
Schon als HTL-Schüler in Rankweil („da gab es eine Fachrichtung Elektronik“) war ihm klar: „Ich wollte weiter in diese Richtung gehen und studierte dann Lauft- und Raumfahrttechnik and der TU München mit Schwerpunkt Aerodynamik, weil ich immer schon von der Formel 1 träumte.“
Im Herbst 2019 kehrte der Familienvater zurück, um das Sportgeschäft in Zürs von den Eltern zu übernehmen: „Es war der richtige Zeitpunkt. Das ist nun mein Hauptjob.“ Doch er wollte bald wieder etwas im Motorsport machen, im Sommer, wenn er mehr Zeit dafür hat. „Ich bin jetzt quasi Freelancer bei BMW Motorsport. Ich kam durch einen ehemaligen Mercedes-Kollegen, den ich schon seit der Universität kenne, mit BMW in Kontakt. Er war auch bei BMW und ließ durchblicken, dass man Verstärkung brauche. So habe ich mich beworben und bin jetzt da. Ich unterstützte die BMW-Teams entweder direkt an der Strecke oder vom Rennzentrum in München aus. Ich arbeite sowohl in der Langstrecken-WM (WEC) als auch in der amerikanischen IMSA-Meisterschaft. Ich bin nicht bei jedem Rennen im Sommer dabei. Aber ich werde beim WEC in Austin wieder vor Ort sein, das IMSA-Rennen in Indianapolis mache ich von München aus. Dann ist wieder Saisonende und der Fokus auf das heimatliche Geschäft.“
Der Unterschied seiner Arbeit zwischen Formel-1-Autos und Langstrecken-Sportwagen? „Der BMW-Prototyp ist eben auf Langstreckenprüfungen ausgelegt. Unser Team ist nicht so groß wie das eines Formel-1-Rennstalls, aber die Manpower ist schon beeindruckend. Die Langstreckenrennen sind noch viel mehr Teamsport als die Formel 1. Und wir haben in beiden Serien viele Mitbewerber auf höchstem Niveau.“
Theoretisch könnte es auch im Winter vorkommen, dass ihn BMW kurz für einen Einsatz heranzieht. „Aber die beiden Kollegen, die in meinem Bereich arbeiten, würden eine Aufgabe auch allein bewältigen können“, meint Brändle.
Gerhard Kuntschik