“Das Laufen verbindet mich mit Gott” – Bregenzerin läuft von Wien nach Russland

Shamita Achenbach-König ist Cellistin, Musiklehrerin und läuft tausende Kilometer. Im Schmerz findet sie einen spirituellen Bewusstseinszustand.
Schwarzach Ein Kilometer. Mehr schaffte Shamita Achenbach-König anfangs kaum. “Da hing mir schon die Zunge raus”, erinnert sich die 61-jährige Bregenzerin, die in Wien lebt. Heute läuft die Cellistin und Musiklehrerin Distanzen, die für andere kaum vorstellbar sind. Tausende Kilometer, über Wochen hinweg, im Herbst 2023 zum Beispiel einen Solo Run von Wien nach St. Petersburg. Doch wer mit ihr darüber spricht, merkt schnell: Hier gehts nicht um Rekorde, sondern um Grenzen und darum, was passiert, wenn man sie überschreitet.

Musik, Sport und Meditation
“In erster Linie bin ich Musikerin”, sagt Shamita Achenbach-König. Sie spielt im Ensemble und Orchester, Musik sei ihr aber “ins Herz hineingeschrieben”. Dennoch, Sport gehörte schon früh zu ihrem Leben: Skifahren, Wandern, Reiten und Kunstturnen, das haben wir als Kinder immer schon gemacht. Zum Laufen kam sie mit 26 Jahren über die Meditation. Damals begegnete sie Menschen, die Meditation und Sport miteinander verbinden und war fasziniert. Aus einem Kilometer wurden zehn, dann ein Marathon, schliesslich 50-Kilometer-Läufe, danach 24- und 48-Stunden-Rennen.
Schmerz wird zu Glück
Bei Mehrtagesrennen wird meist auf einem ein Kilometer langen Rundkurs gelaufen. Verpflegungsstation, medizinische Betreuung, Zelt und Dusche stehen bereit. Geschlafen wird wenig, gelaufen bei jedem Wetter. Bei einem Zehntagesrennen in New York hatte es im April minus ein Grad. “Das ist dann nicht lustig im Zelt, wenn einem schon alles weh tut und man nur vier Stunden schläft.”

Und irgendwann meldet sich der Körper. Der Schmerz kommt, der Verstand sagt: Hör auf. Für Achenbach-König beginnt genau dort der entscheidende Teil. “Es geht darum, dass Seele und Herz in Kraft treten.” Ihre Schmerzgrenze habe sich über die Jahre stark verschoben. “Man kann Schmerz mit Freude überwinden.” Sie habe sogar erlebt, wie sich Schmerz in ein Glücksgefühl verwandelte.

Was esoterisch klingen mag, ist für die Musikerin eng mit ihrer Meditation verbunden. Sie vergleicht ihre Läufe mit Bergsteigern im Himalaya. “Man will einen Geisteszustand erreichen, den man im Alltag nicht erreichen kann.”
Das Positive setzt sich durch
Je länger sie läuft, desto kleiner würden auch jene Probleme, die man im Alltag mit sich herumträgt. Vieles relativiere sich. “Man wird so positiv. Man kann fast nur noch das Schöne im Leben sehen.”
Als Sucht will sie ihre Leidenschaft dennoch nicht verstanden wissen. Dafür seien die körperlichen Qualen zu groß. Wenn man nach vielen Tagen morgens um 4 oder 4:30 Uhr aufsteht und wieder weiterläuft, habe das wenig mit Genuss zu tun. “Es ist wie eine kleine Kriegserklärung an den Körper.” Demut sei eine weitere Begleiterscheinung des körperlichen Auspowerns.

Gleichzeitig sieht sie darin einen Gegenentwurf zu einer Welt, die immer bequemer wird. Lift, Rolltreppe, Auto: Viele Hürden würden heute möglichst vermieden. Dabei liege gerade im Überwinden eine Chance. “Wir dürfen Hürden nehmen. Wir können auch mit einem Lächeln über etwas Anstrengendes hinweggehen.”
Nächstes Ziel: Süden
Die nächste Hürde ist bereits in Planung. Nachdem Achenbach-König bereits in verschiedene Himmelsrichtungen gelaufen ist, soll es nun nach Süden gehen. Italien ist das Ziel, zunächst Rom, danach vielleicht weiter nach Palermo.

Ob es tatsächlich bis Sizilien geht, lässt sie offen. Sicher ist nur: Wenn eine Strecke schwierig erscheint, verliert sie für Achenbach-König nicht an Reiz. Eher im Gegenteil. Denn “das geht nicht” war für die Musikerin noch nie ein besonders überzeugendes Argument.
Zur Person
Name Shamita Achenbach König
Alter 61, Jahrgang 1965
Hobbys Sport und Backem
Verpflegungen hat beim 5.000 km Lauf 300 Lebkuchen gegessen