Den Gedanken freien Lauf lassen

VN / 21.08.2026 • 12:29 Uhr
Den Gedanken freien Lauf lassen
“Mein privates Glück” ist ein Roman über Köhlmeiers Vorfahren und seine frühe Geschichte. Lukas Grabher

Michael Köhlmeier stellt mit “Mein privates Glück” seinen neuen Roman vor.

Schwarzach Einen langen Blick wirft der Autor zurück auf den Beginn seines Lebens und baut daraus eine äußerst eigenwillige Lebensgeschichte. In der BRD, in Coburg, war nach dem Krieg das Glück zu Hause: Dort verbrachte der Autor die ersten Jahre seiner Kindheit, nachdem seine Mutter schwer krank wurde und er mit seiner Schwester zu den Verwandten über die Grenze geschickt wurde. Umgeben von Tanten und Onkeln, einer Schwester und einer Großmutter, verbrachte er dort die ersten Jahre seines Lebens. Glückliche Momente, in denen der Gang zum Bäcker und zum Krämer die Welt bedeuteten und ihn in das soziale Leben einführten. Und plötzlich, aus dem Nichts der Abschied von Coburg, es ging nach Vorarlberg zu Mutter und Vater, ohne in seiner Coburg-Welt zu wissen, dass es diese auch für ihn gibt.

Das schützende Netz

So grundiert der Junge wie ein Fisch, den man flüchtig auswilderte und der sich erst im unbekannten Gewässer zurechtfinden muss. Für den Protagonisten war dieses Gewässer Hohenems. In sehr einfühlsamen Kapiteln erzählt der Autor den schweren emotionalen Weg, den der Junge zu seinen Eltern und sie zu ihm finden mussten, denn seine ersten Jahre waren eben durch die Zeit in Coburg geprägt. Aber hat man endlich einen Verbündeten zur Hand, in diesem Falle ein Bub aus der Nachbarschaft, findet man auch den Weg ins Leben zurück. Neben dem Herumstreifen am Alten Rhein war dem jungen Michael eine tiefgreifende Freundschaft zum Lesen an sich und zu Büchern gegeben. Diesen Weg ebnete seine Lehrerin. Von der Großmutter lernte er richtig Geschichten zu erzählen, eine Gabe, die ihn bis heute nicht verließ.
Der Roman hat im Köhlmeier-Stil viel Helles. So ist es auch sehr heiter, wenn der Autor in manchen Passagen mit seiner toten Mutter spricht und sie ihm im Geiste erklärt, was er über sie schreiben soll. Zu Beginn ist dieser Kunstgriff das nötige Gleitmittel, auch für den Leser, welches eine realistische Nacherzählung zur Dichtkunst macht und ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt. Schön, wie der Autor hier die Kapitel jetzt nicht handlungskonform, sondern in einer eigenen Logik anordnet.

Der Protagonist bei der Beichte

Köhlmeier lässt seinen Gedanken freien Lauf. Nicht so, dass in seiner Jugend Grauenhaftes passierte, aber über die eigene Vergangenheit zu sprechen, ist immer schwierig, vor allem in schriftlicher Form. Um lockerer darüber zu erzählen, gab der Autor seinen Eltern einen fiktiven Namen, nämlich Charlotte und Nolde, daraus wuchs der nötige Freiraum und mit ihm die Inspiration. 

Michael Köhlmeier: „Mein privates Glück“, Hanser, 315 Seiten.
Michael Köhlmeier: „Mein privates Glück“, Hanser, 315 Seiten.Martin Georg Wanko

Michael wächst tatsächlich mit viel Freiraum in Hohenems in einer Künstlerfamilie auf, denn Vater Nolde erlebte die für ihn prägende Zeit als junger Soldat im 2. Weltkrieg in Paris, wo er durch seinen Vorgesetzten in die Künste eingeführt wurde und sein Wissen auf seine Kinder übertrug. Dazu ließ seine Mutter zeitlebens ihre wichtigsten Bücher nicht los, wahrlich ein Bund fürs Leben. Dazu noch die Oma und die Lehrerin und die nicht zu unterschätzende, gefährliche Tante Thea, alleine der Name reicht für Gänsehaut und der Kindheitsfreund und Kumpel, spätere Biker, Helge aus Coburg – ein Knäuel aus Individuen, aus dem der Autor diesen Roman strikt. Prinzipiell ist “Mein privates Glück” ein Roman über seine Vorfahren und seine frühe Geschichte und zugleich ein Zeitdokument mit einem doch sehr interessanten Ausgang. Der Protagonist bei der Beichte, das muss man sich erst einmal vorstellen! 

Martin G. Wanko