Wie ein Ägypter das Ländle erlebt

Ein ESK-Freiwilligendienst führte Hamza Hassan aus Ägypten nach Vorarlberg.
Dornbirn Man hatte Hamza Hassan zwar vorgewarnt, dass die Menschen in Vorarlberg einen besonderen Dialekt sprechen. Als der 24-Jährige in Dornbirn aus dem Zug aus Wien stieg, war er dennoch überrascht: Trotz guter Deutschkenntnisse verstand er anfangs kaum etwas. “Inzwischen geht es viel besser. Ich verstehe das meiste und kenne auch schon einige Wörter und Ausdrücke – etwa ‚gsi‘ oder ‚Bruchsch eppes?‘”, erzählt er.

Seit fast einem Jahr lebt Hamza in Vorarlberg. Für einen Freiwilligendienst des Europäischen Solidaritätskorps (ESK), bei dem junge Menschen für einige Monate in einer gemeinnützigen Einrichtung im Ausland mitarbeiten, hat er dafür sein Medizinstudium in Ägypten unterbrochen. Weil er Deutsch spricht, interessierte er sich für Projekte im deutschsprachigen Raum und bewarb sich bei mehreren Organisationen. Bei der aha – Jugendinfo Vorarlberg hat es schließlich geklappt. Eine genaue Vorstellung von Vorarlberg hatte Hamza zuvor nicht. Österreich kannte er vor allem als “Land zwischen den Bergen”.

Von Ismailia ins Ländle
Schon bei seiner Ankunft beeindruckte ihn die Natur. “Die Berge haben mir sehr gut gefallen.” Auch sonst war vieles anders als in seiner Heimatstadt Ismailia in Ägypten. Dort leben rund zwei Millionen Menschen, Dornbirn kommt Hamza dagegen beinahe wie ein Dorf vor. Auch das Klima war eine Umstellung. Besonders der Winter machte ihm zu schaffen: Es wurde früh dunkel, und draußen war deutlich weniger los. “In Ägypten sind die Menschen 24/7 auf der Straße – das habe ich vermisst.” Erst als im Februar die Sonne wieder herauskam und die Tage länger wurden, begann er, sich richtig wohlzufühlen.

Die Menschen in Vorarlberg erlebt Hamza als “sehr höflich und wirklich ausgesprochen freundlich”. Gleichzeitig seien sie weniger spontan und hätten andere private Grenzen als die Menschen in Ägypten. “Aber sie geben einem ein Gefühl von Sicherheit.” Freundschaften mit Vorarlbergern zu knüpfen, sei für ihn allerdings nicht ganz einfach gewesen. Leichter fiel ihm das mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund.
Neue Perspektiven
Auch beim Essen hat Hamza einiges Neues kennengelernt. Viele österreichische Gerichte kennt er noch nicht, ein Schnitzel findet er aber “praktisch” – und vor allem gut. Auch Kässpätzle hat er probiert und für gut befunden. Meistens kocht er allerdings selbst. Was ihm dabei aus Ägypten besonders fehlt, ist nicht nur das Essen, sondern das vertraute Gefühl, das sich einstellt, wenn alle dieselbe Kultur und dieselben Gewohnheiten teilen. “In Ägypten macht man viel mehr Dinge gemeinsam, ohne dass es dafür eine Einladung braucht.


Im aha unterstützt Hamza den Marketingbereich. Er erstellt Social-Media-Beiträge, plant Kampagnen und fotografiert und filmt bei Veranstaltungen. Abseits der Arbeit bleiben ihm vor allem gemeinsame Unternehmungen in Erinnerung – etwa ein Bootsausflug auf dem Bodensee, eine Wanderung durch den Bregenzerwald und das Ausgehen mit seinen neuen Freunden und Bekannten.

Weiterhin in Österreich
Ende August endet seine Zeit im Ländle. Im Herbst zieht Hamza nach Wien und beginnt an der Universität Wien ein BWL-Studium. Danach ist noch vieles offen. Vielleicht kehrt er nach Ägypten zurück und nimmt sein Medizinstudium wieder auf, vielleicht entscheidet er sich auch für einen anderen Weg. Sicher ist für ihn aber, dass ihn das Jahr in Vorarlberg persönlich verändert hat. “Ich habe in diesem Jahr sehr viel gelernt, auch neue Denkweisen und bin als Person gewachsen.”LCF