“Es kommen immer mehr Volksschüler zur Nachhilfe” – jedes dritte Kind ist betroffen

Ferien und Schulbücher passen für viele Familien längst zusammen: Der Nachhilfebedarf ist groß – das Sorgenfach Nummer eins beschäftigt auch immer mehr Volksschüler.
FELDKIRCH, BLUDENZ Wenn andere Kinder ihre Ferien genießen, sitzen Valerie, 16, und Lina, 11, über Mathematikaufgaben. Es ist warm im obersten Stockwerk im Lernquadrat Bludenz, der Wind weht ein bisschen durch die Räume, und in den Straßen und Gassen der Altstadt ist was los. Die Geräusche von Sommer, Genuss und Ferien vermischen sich hier mit dem Prüfungsgefühl – doch eines ist klar: “Ich muss diese Prüfung schaffen”, so Valerie.

Wissenslücken zu füllen ist wichtig
Die beiden Schülerinnen verfolgen allerdings ganz unterschiedliche Ziele: Valerie bereitet sich beim Lernquadrat in Bludenz auf eine Nachprüfung vor. Lina dagegen will ganz einfach gut vorbereitet ins neue Schuljahr starten. “Man macht halt die ganze Wiederholung, Brüche und alles”, sagt die Elfjährige. Für Schülerinnen wie Valerie kann intensive Vorbereitung den Unterschied machen. Die 16-Jährige aus der HPS Zams paukt intensiv Mathematik und fühlt sich inzwischen deutlich sicherer. “Ich denke schon, dass das jetzt nach der Vorbereitung klappt”, sagt sie. Die Motivation sei zweifach: die Prüfung zu schaffen – und am Ende stolz auf die eigene Arbeit zu sein.

Immer wieder Mathe
Mathematik bleibt dabei mit Abstand das Sorgenfach Nummer eins. “Das ist nach wie vor wirklich immer das, weshalb die Schüler hier Nachhilfe nehmen”, sagt Dajana Racic, Standortleiterin des Lernquadrat Bludenz. Dahinter folgen Deutsch und Englisch. Auch Markus Kalina, Regionalleiter der Schülerhilfe Österreich, bestätigt: Mathematik führt die Hitliste an. Laut den von der Arbeiterkammer Vorarlberg zur Verfügung gestellten Daten haben österreichweit 36 Prozent der Schulkinder Bedarf an Nachhilfe. Familien geben dafür jährlich rund 143,8 Millionen Euro aus, im Schnitt 720 Euro pro Kind.


Auffällig ist vor allem, dass der Bedarf bei jüngeren Kindern wächst. Racic beobachtet seit der Corona-Zeit deutlich mehr Volksschüler im Haus. Ihre Vermutung: “Wir sehen ganz viele Volksschüler, und wir vermuten, dass einfach die Routine gefehlt hat.” Auch Kalina spricht von einem verstärkten Bedarf in der dritten und vierten Volksschulklasse, insbesondere wenn der Wechsel in eine weiterführende Schule bevorsteht. Das sei vor einigen Jahren noch deutlich weniger ein Thema gewesen.

Soziale Medien stärken Englisch
Gleichzeitig steigt laut Schülerhilfe heuer die Nachfrage nach gezielter Vorbereitung auf Nachprüfungen. Betroffen sind vor allem Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe von Gymnasien sowie in berufsbildenden mittleren und höheren Schulen.
Auch Deutsch wird zunehmend zum Thema. Kalina bezeichnet das Fach als “Rising Star” der vergangenen Jahre. Die Ursachen seien vielfältig: fehlender sozialer Austausch während der Pandemie, weniger Lesen und die starke Präsenz sozialer Medien. Bei Englisch wiederum beobachtet er teilweise eine gegenläufige Entwicklung, weil die Sprache durch Computerspiele und soziale Medien stärker im Alltag vorkommt.

Land fördert Nachhilfe, aber wenige fragen nach
Für Familien ist Nachhilfe allerdings nicht nur eine pädagogische, sondern zunehmend auch eine finanzielle Frage. Die AK Vorarlberg verweist darauf, dass Bildungschancen aus Sicht vieler Eltern immer stärker vom Einkommen abhängen. Gleichzeitig wurde die Nachhilfeförderung des Landes zwischen 2020 und 2024 laut Landtagsanfrage lediglich zwölfmal in Anspruch genommen. Das AK-Lernhilfeangebot zeigt dagegen eine hohe Nachfrage: Heuer meldeten sich mehr als 100 Kinder an, 74 konnten teilnehmen – das Angebot war restlos ausgebucht. Die Arbeiterkammer fordert deshalb eine Überarbeitung der Nachhilfeförderung, mehr ganztägige Lern- und Betreuungsangebote sowie zusätzliche individuelle Förderung in der Schule.