“KI-Oper” zwischen Auflösung und Kollektiv

Victor Klein,
Zara Alis “Codeborn” als österreichische Erstaufführung an den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.
Innsbruck Das Musiktheater “Codeborn” von Zara Ali hat Samstagabend in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters in Innsbruck in der Regie von Florentine Klepper und unter der musikalischen Leitung von Hansjörg Sofka Premiere und österreichische Erstaufführung gefeiert. Gezeigt wurde ein vereinsamter KI-Programmierer zwischen Informationsüberfluss, letzter Selbstermächtigung und neuen Optionen.

Victor Klein,
Die Zukunft, wie Ali sie entwarf und Klepper sie auf die höchst originelle Bühne von Wolfgang Menardi brachte, lag wohl nicht mehr fern – vertraut wirkte sie allemal, sei es nur durch Schreckensnachrichten über sich verselbstständigende KI-Tools. Der Programmierer “Guy” erfand eine weibliche KI namens “Nur” und lud sie ins Netz hoch. Nun war es mit der Ruhe im Bett zwischen Pizzaschachteln und Softdrinks vorbei: Mysteriöse Kräfte des “TechnoCore” drangsalierten ihn und wollten ihn gefügig und letztlich willenlos machen – mit Informationsüberflutung ebenso wie mit Verführung durch Tanz. Die Zugriffe auf sein Bewusstsein wurden immer zudringlicher, bis die Kontrollübernahme schließlich gelang. Dass Ali das Ende weitgehend offen ließ, war die eigentliche Stärke der nicht immer mitreißenden Erzählung, die die rund 70 Minuten der “Mini-Oper” nicht ganz trug.
Zwischen Schrecken und höherem Bewusstsein
Spannend war hingegen der Zugang zum wohl drängendsten Thema der Gegenwart. Künstliche Intelligenz bewegt sich zwischen Unterstützung menschlichen Wissens und dessen völliger Anonymisierung, an deren Ende menschliches Zutun überflüssig werden könnte. Ein posthumanistisches Zeitalter erscheint als Schreckgespenst am düsteren Horizont. Ali wendete dieses Szenario gegen Ende jedoch dezent optimistisch: Der Mensch geht in einem großen Ganzen auf, verbindet sich mit der Informationsflut und erlangt womöglich ein höheres Bewusstsein im ozeanischen Kollektiv. Zugleich war es ein Abgesang: Der Individualismus, wie wir ihn kennen, war vorbei.
Interessant waren auch die kompositorischen Mittel. Unter Sofkas Leitung navigierte “PHACE – Ensemble für neue Musik” durch vielschichtige Musikwelten und Genre-Andeutungen. Sounds und Stimmen schichteten und überlagerten sich, durften mitunter aber ganz simpel, fast “klassisch” daherkommen. Analoge Instrumente prallten auf elektronische Passagen und verbanden sich oft kontrastierend mit ihnen. Menardis Bühne war dafür optimal: futuristisch, wandelbar und im Zentrum mit einem der letzten Rückzugsorte des hypermodernen Menschen ausgestattet – dem Bett. Erwähnenswert auch Menardis extravagante Kostüme, die dem Szenario den letzten Kick gaben.
Am Ende gab es wohlwollenden Applaus für alle Beteiligten. “Phace”, das auch schauspielerisches Talent bewies, sowie Regisseurin und Komponistin durften üppigen Beifall verbuchen. Besondere Akklamationen konnte die Sängerriege einstreifen: allen voran Lucy Altus, die “Nur” hervorragend sang, sowie Julien Horbatuk als sangesstarker “Guy”. Souverän auch Thomas Lichtenecker als “Doll” und Paul Schweinester als “Council Member”.