Kolumne: Also einmal geht’s sicher noch

Herbst. Die vielleicht letzte Gelegenheit nutzen, um im See zu schwimmen, während am Ufer die noch zögerlichen Freunde wissen wollen, wie das Wasser ist: “Friihiihiisch!!! Aber super!” Das erste Mal den Holzherd einheizen und darauf direkt die erste von vielen Hühnersuppen der kalten Saison vor sich hinköcheln lassen.
Das erste Mal wieder mit Freundinnen in die Sauna gehen; und danach schön aufgewärmt die kalte Abendluft atmen. Die Gartenmöbel allmählich in den Schuppen bringen, ein Stück nach dem anderen: zuerst die Polster von der Schatten-Couch, auf der heuer niemand mehr sitzen wird, dann die Liegestühle, die in den Weiden am Wasser hängen und auf Freundinnen warten, die erst nächstes Jahr wieder kommen werden. Einen Tisch und ein paar Stühle am sonnigsten Ort stehen lassen, für die Freunde, die doch noch auftauchen. Die letzten reifen Tomaten ernten: Es war ein mittelgutes Tomatenjahr, danke, viele schöne Sorten mit guten Früchten, aber keine überreiche Ernte.
Die letzten verwelkten Blüten von den Rosen schneiden. Die letzte eigene Gurke für heuer in den Salat schnipseln, mit Sentimentalität im Herzen. Den starken Alfons mit dem Traktor anrufen.
Obstkuchen backen mit den reifen Äpfeln und den kleinen Weinbergpfirsichen, die auf dem Baum des Nachbarn so reichlich und auf dem eigenen sehr spärlich und viel zu hoch oben wachsen: nach dem Plum-Torte-Rezept, das die “New York Times” jeden Herbst seit 1983 veröffentlicht. Immer mit seiner kleinen Geschichte dabei, in der erzählt wird, wie die Redaktion 1989 fand, das sei nun aber das letzte Mal. Worauf die Zeitung von zornigen Briefen geflutet wurde; eine Leserin schrieb, ohne dieses Rezept in der Zeitung sei es kein richtiger Herbst. Seither wird es mit zarten Anpassungen weiterhin jedes Jahr veröffentlicht, auch heuer wieder, und ich kann sagen: Es ist das simpelste und effektivste Obstkuchen-Rezept, auch für blutige Backanfänger geeignet.
Die letzten verwelkten Blüten von den Rosen schneiden. Die letzte eigene Gurke für heuer in den Salat schnipseln, mit Sentimentalität im Herzen. Den starken Alfons anrufen, damit er mit seinem kleinen Traktor die Herbstmahd auf meiner Wiese macht, die den ganzen Sommer wachsen durfte; danach findet man auch die Äpfel für den Kuchen wieder leichter.
Das Gitterfenster im Keller schon mal mit einem Brett zumachen und abdichten, damit man dann nicht wie letztes Jahr im tiefsten Winterfrost draufkommt, dass man das dummerweise vergessen hat. Zum Glück hat der nette Nachbar einen Bunsenbrenner und weiß, wie man damit eine gefrorene Wasserleitung auftaut, bevor sie vom Eis gesprengt wird. Das passiert mir sicher nicht noch einmal! Eine Liste von den Dingen anlegen, die man vor dem Winter sonst noch erledigen muss.
“Nochmal zum See am Nachmittag?”, fragt die Nachbarin. “Ja! Gut, wenn die Sonne scheint! Ich hol dich ab, pack den warmen Bademantel ein, einmal geht’s sicher noch, vielleicht das letzte Mal.”