Gletscherrückgang überrascht Günther Groß: „Mit so viel habe ich nicht gerechnet“

Die VN haben Günther Groß beim Vermessen des Mittleren Klostertaler Gletschers begleitet. Die aktuellen Messungen zeigen eine Entwicklung, mit der selbst der erfahrene Gletschervermesser nicht gerechnet hat.
Gaschurn „Mit der Geschwindigkeit, wie es jetzt vonstattengeht, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass die Gletscher zurückgehen“, sagt Gletschervermesser Günther Groß. Der 77-Jährige wandert mit seiner Frau Luise durch das Klostertal zum Mittleren Klostertaler Gletscher. Viel braucht Günther nicht: ein 50-Meter-Maßband, ein Kompass, eine Spraydose, die Ergebnisse aus den Vorjahren sowie ein Bleistift.


1850 gab es einen Gletscherhochstand – davon zeugen Endmoränen am Talboden und Schuttlinien an den Berghängen. „Das war eine kleine Eiszeit“, erklärt Günther Groß. 1980 gab es noch einmal einen kleinen Gletschervorstoß, doch vor 20 Jahren nahm die Gletscherschmelze rasant an Fahrt auf. „Das Verschwinden der Gletscher ist das erste sichtbare Alarmzeichen und der Beginn der Klimakrise“, mahnt er.


Das Verschwinden der Klostertaler Gletscher
Den Südlichen Klostertaler Gletscher gibt es seit 2023 nicht mehr. Der 77-Jährige konnte zusehen, wie er verschwand. Der Nördliche Klostertaler Gletscher wird wegen Steinschlaggefahr nicht mehr vermessen. Der Mittlere Klostertaler Gletscher reagiert von den Silvrettagletschern am schnellsten auf die Witterung, sodass dort der Gletscherschwund besonders gut sichtbar ist. Von einst zwölf vermessenen Gletschern in der Silvretta sind sechs beziehungsweise sieben geblieben – der Jamtalgletscher zerfiel in mehrere Teile, wovon zwei ins Messprogramm aufgenommen wurden. „Die Gletscher, so wie wir sie kennen, verschwinden jetzt einfach.“


Schutt verdeckt teilweise das Eis, auch der Zustieg verändert sich ständig. „Es braucht sehr viel Erfahrung, um die Gletscherzunge zu erkennen“, sagt Luise. Dort angekommen, suchen Günther und Luise fünf Messmarken, die mit roter Farbe auf fest verankerte Steine gesprüht wurden.


39,5 Meter ist der Gletscher von der Marke S23 entfernt. Günther vergleicht die Werte mit jenen des Vorjahres. „19,5 Meter ist er diesen Sommer zurückgegangen, stärker als letztes Jahr. Früher lagen die Veränderungen bei diesem Gletscher unter zehn Metern.“



Er setzt eine neue Marke, T26. Die alte liegt für das 50-Meter-Maßband schon zu weit vom Gletscherrand entfernt. „Früher hast du die Gletschermarke Jahrzehnte behalten können. Jetzt musst du sie alle zwei bis drei Jahre neu machen.“ Luise hält das Maßband an dessen Anfang fest. Günther zieht es bis zum Gletscherrand, nimmt seinen Wanderstock, steckt ihn in den Boden und hält das Maßband daran. 12,90 Meter sind es von T26 bis zum Gletscher.



Ein eingespieltes Team
Bei Punkt P23 beträgt der Rückgang 15,50 Meter, bei O22 18,20 Meter. „Mit so viel habe ich nicht gerechnet“, sagt der Thüringerberger. Die fünfte Marke ist gar nicht mehr auffindbar. Mit seiner Frau Luise (73) ist Günther ein eingespieltes Team. 1975 ging Luise erstmals mit. Dann kamen die fünf Kinder. Seit 13 Jahren begleitet sie Günther wieder regelmäßig. „Die Veränderung interessiert mich“, sagt Luise.


Die Marke F23 ist nur schwer zu finden. „Es wird alles mühsamer.“ Günther setzt die Brille auf und liest die Messwerte ab. Hier ist der Gletscher um 23 Meter zurückgegangen. Im Schnitt beträgt der Rückgang heuer 18,40 Meter. Sein Fazit: „Das ist der stärkste Rückgang seit Langem.“



„Gletscher spielen in meinem Leben eine sehr zentrale Rolle“, sagt Günther Groß, der seit 1973 selbstständiger Gletschervermesser ist. Das Klima zu rekonstruieren, habe ihn schon immer fasziniert. „Eisbohrungen, Holzfunde, Gletscherveränderungen: Das ist meine Welt. Das lässt mich nicht los.“ Günther und Luise wollen weiterhin einzelne Gletscher vermessen, einen Großteil der Vermessungen in der Silvrettagruppe übernimmt inzwischen ihr Sohn Johannes.











