Lech ringt um die Grenzen der Mündigkeit

Kultur / 25.09.2026 • 12:31 Uhr
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Bis auf den letzten Platz besetzt: Der große Saal der Lechwelten beim Festakt, den die Alphornbläser der Trachtenkapelle Lech musikalisch umrahmten. Lässiger Photography

Auftakt zum 29. Philosophicum Lech: Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann loten die Grenzen des Denkens aus.

Lech Mit einem ausverkauften Festakt und einem Streitgespräch der beiden Intendanten ist am Donnerstag das 29. Philosophicum Lech eröffnet worden. Bis Sonntag steht die Tagung unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“. Wer heute das Denken begleitet, wer es lenkt und wer es womöglich bevormundet, diese Frage sorgte schon zum Auftakt für eine kontroverse und bisweilen auch vergnügliche Debatte.

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Die Intendanten Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann eröffneten das Philosophicum mit einem pointierten Dialog über die „neue Lust an der Unmündigkeit“.Lässiger Photography

Zur Eröffnung war der große Saal der Lechwelten bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach nur vier Tagen sei das Symposium ausverkauft gewesen, berichtete Ludwig Muxel, Obmann des Vereins Philosophicum. Das sei eine große Freude und eine schöne Bestätigung, allerdings habe man auch zahlreichen Interessierten absagen müssen. Sein Dank galt Initiator Michael Köhlmeier, den Unterstützern, den Medien- und Kooperationspartnern, dem Team und nicht zuletzt dem Publikum.

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Der Lecher Bürgermeister Gerhard Lucian.Lässiger Photography

Bürgermeister Gerhard Lucian erinnerte daran, wie sich die 1997 gegründete Veranstaltung zu einer der bedeutendsten philosophisch-kulturwissenschaftlichen Tagungen im deutschsprachigen Raum entwickelt hat. Mehr als 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisen jedes Jahr nach Lech. Das Philosophicum schaffe Raum für unterschiedliche Positionen und einen offenen Austausch, so Lucian. Landtagspräsident Harald Sonderegger betonte die überregionale Strahlkraft: Vorträge, Gespräche und Rahmenprogramm ermöglichten Begegnung und Nachdenken in einer besonderen Umgebung. Für den musikalischen Rahmen sorgten die Alphornbläser der Trachtenkapelle Lech.

Lust an Mündigkeit

Statt eines Impulsreferats traten die Intendanten Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann in einen Dialog. Bleisch fragte, ob der große Andrang nicht eher von einer „neuen Lust an der Mündigkeit“ zeuge. Liessmann gab ironisch zu bedenken, dass sie beide selbst zu den Betreuern des Denkens zählten. Schließlich habe er an der Universität unzählige Abschlussarbeiten betreut.

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Ludwig Muxel begleutet der das Philosophicum seit seinen Anfängen.Lässiger Photography

Rasch wandte sich das Gespräch konkreten Formen der Bevormundung zu. Liessmann nannte die Werbung und kritisierte das Gendern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Betreuung mit pädagogischem Auftrag. Hätte es dafür einen demokratischen Entscheidungsprozess gegeben, würde er es akzeptieren. Bleisch zeigte sich verwundert, wie sehr ihn dieses Thema umtreibe. Sie selbst ärgere sich eher über das aus dem Englischen eingewanderte Genitiv-s mit Apostroph. Das empfinde sie allerdings als falsch, nicht als Bevormundung.

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Landtagspräsident Harald Sonderegger.Lässiger Photography

Auch die künstliche Intelligenz wurde zum Prüfstein der Mündigkeit. Liessmann warnte vor einem akademischen Kreislauf, in dem KI-generierte Arbeiten künftig von KI bewertet würden. Damit drohten der Stolz auf die eigene geistige Leistung ebenso zu schwinden wie die Kultur des kritischen Einspruchs. Gerade wer sich der Technologie nicht unkritisch ausliefere, könne künftig besonders gefragt sein.

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Beim Thema Cancel Culture plädierte Liessmann dafür, auch unbequeme oder abseitige Ansichten auszuhalten. Er verwies auf die Ausladung Peter Thiels durch die Wiener Festwochen und fragte, warum man die Diskussion mit ihm scheue. Bleisch erinnerte an die Grenzen des Sagbaren, hielt den öffentlichen Diskurs insgesamt aber für nach wie vor offen und frei. Sie wünsche sich, dass liberales Denken wieder an Kraft gewinne und gerade jene interessant blieben, die anders denken.

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Damit war der Anspruch des Philosophicums umrissen: nicht Einigkeit herzustellen, sondern den Wert des Widerspruchs zu erproben. In den kommenden Tagen setzen Vortragende aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften die Auseinandersetzung mit der Frage fort, wo Begleitung endet und Unmündigkeit beginnt.