Warum Wandern Balsam für die Seele sein kann

Natur und Bewegung sind für die Psyche oft besser als Therapiesitzungen. Sagt einer, der es wissen muss.
Schwarzach Reinhard Haller (75) kennt man bei seinen zahlreichen Auftritten in TV-Diskussionen, Vortragsälen oder im Gerichtssaal fast nur im Anzug mit Krawatte. Doch wenn der renommierte Psychiater und Gutachter seine Dienstkleidung gegen Wanderstock, kurze Hose und Rucksack tauscht, fühlt er sich am allerwohlsten. Das Wandern ist schon längst nicht nur des Müllers Lust, sondern auch seine. Und weil der gebürtige Mellauer das Wandern seit vielen Jahren als gute Tat für die physische Gesundheit erlebt, aber vor allem auch als Balsam für die Seele, schrieb er ein Buch: Titel: “Wandern für die Seele”.
Von der Sucht zu 20.000 Schritten
“Die Idee dafür entstand schon vor langer Zeit, als ich gerade auf den Hohen Frassen wanderte. Mir gingen Gedanken durch den Kopf. Dass nämlich Wandern genau das auslösen kann, was ich bei meinen Patienten in Therapien zu erreichen versuche: Stress und Frust abbauen, Aggressionen mildern, Depressionen lösen. Wandern ist zudem meditativ, kreativ, kann euphorisierend wirken.”

Gerne erzählt Haller die Geschichte eines bekannten Vorarlberger Unternehmers. Er landete als Suchtpatient bei ihm und fing irgendwann zu wandern an. “‚Das wirkt auf mich ja viel besser als alle anderen Therapien zusammen‘, sagte er mir. Schon längst ist er seine Sucht los, wurde zu einem Weitwanderer, geht 20.000 Schritte am Tag und ist in seinem hohen Alter so fit wie noch nie.”
Wunderpille als Phantom
Die Faszination des Jakobswegs hat der Psychiater entschlüsselt. “Leute berichten dir, wie etwas anders geworden sei bei ihnen, wie sie etwa nachhaltig Gelassenheit erfahren hätten.” Von Pharmaforschern weiß Haller, dass diese mittlerweile auf Kongressen über ihre Erkenntnisse referieren, wie Wandern leichte und mittelschwere Depressionen sprichwörtlich Schritt für Schritt zur Auflösung bringt.

In den Augen des ausgewiesenen Seelenkenners ist Wandern Rhythmus, Begegnung, Selbstreflexion und Selbstwirksamkeit, das Erleben der Natur als Resonanzraum. “Ein Medikament, das die Wirkungen des regelmäßigen Wanderns enthalten könnte, wäre ein Wundermittel”, sagt Haller.
Mörder wandern nicht
Den perfekten Wandermonat gibt es nicht bzw. er ist eine subjektive Wahl. Reinhard Haller wandert am liebsten im Monat Juni. “Weil sich da die Natur in voller Pracht zeigt und sich gleichzeitig im Hintergrund noch schneebedeckte Berge zeigen.” Der Psychiater schwingt den Wanderstock gemeinsam mit drei in etwa gleich alten Freunden. “Das wirkt motivierend und ist vor allem dann von Vorteil, wenn du gerne einmal eine Wanderung auslassen möchtest, dies wegen der Gruppe aber nicht tust.” Gewandert wird einmal pro Woche. Seit einiger Zeit durchstreift das Quartett bevorzugt Schweizer Wanderwege. “Weil wir bei uns schon ziemlich alles abgewandert haben”, schmunzelt Haller.
Dass Wandern Menschen offensichtlich friedlicher macht, glaubt der bekannte Gerichtsgutachter auch durch eine spezielle Erfahrung belegen zu können. “Ich habe noch nie einen Mörder oder Schwerverbrecher bei meinen Gesprächen erlebt, der mir Wandern als sein Hobby genannt hat.”
Reinhard Hallers Buch “Wandern für die Seele” erscheint im Verlag edition a ab 3. Oktober im Buchhandel.