Die Kunst der Zurückhaltung

Paul Lewis rahmte bei der Schubertiade Chopin und Schuberts „Reliquie“ mit zwei Mozart-Sonaten.
Hohenems Es gibt Pianisten, die sich vor die Musik stellen, und solche, die hinter ihr verschwinden. Paul Lewis gehört zu einer seltenen dritten Gattung: Er bleibt präsent, aber nur als jemand, der die Werke zum Sprechen bringt. Am Donnerstagabend im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems ließ sich das den ganzen Abend lang beobachten. Das Programm war klug gebaut. Zwei Mozart-Sonaten in B-Dur rahmten den Abend, die späte KV 570 am Beginn, die frühere KV 333 am Schluss. Es war, als wollte Lewis die Chronologie umkehren und zeigen, wie viel Leichtigkeit in der Reife steckt und wie viel Reife schon in der Leichtigkeit. Dazwischen: Chopin vor der Pause, Schuberts unvollendete „Reliquie“ danach. KV 570, Mozarts vorletzte Klaviersonate, ist ein karges, beinahe kammermusikalisch gedachtes Werk, und Lewis nahm es genau so: ohne Puder, mit einem Ton, der auch im Pianissimo trägt, und einer linken Hand, die die kontrapunktischen Stimmen nicht bloß begleitet, sondern mitreden lässt. Schon der schlichte, fast hornrufartige Dreiklang zu Beginn bekam bei ihm etwas Sprechendes. Das Adagio sang er schlicht aus, ohne jedes Drücken, und im Allegretto blitzte jener Witz auf, der bei Mozart stets nur einen Schritt neben der Melancholie wohnt.

Mit Chopin änderte sich die Temperatur, nicht aber die Haltung. Ein Stilbruch war das nicht: Kaum ein Komponist hat Mozart so verehrt wie Chopin, bei seinem Begräbnis in Paris erklang dessen Requiem. Die cis-Moll-Polonaise op. 26/1 setzte mit einer Schärfe ein, die aufhorchen ließ, doch Lewis verfiel nie ins Pathos; der Des-Dur-Mittelteil hatte die Innigkeit eines Liedes. Selbst im Fortissimo klang der Flügel nie hart, das Pedal blieb so sparsam, dass jede Stimme durchhörbar war. In den beiden Nocturnes op. 32 zeigte er, wie viel Zurückhaltung Chopin verträgt. Das H-Dur-Nocturne floss ruhig dahin, bis der jähe, rezitativische Schluss die Idylle aufkündigte. Das As-Dur-Stück entfaltete er in langem Atem, den bewegteren Mittelteil nahm er drängend, ohne je die Linie zu verlieren.
Architektonische Ruhe
Nach der Pause dann das Herzstück. Schuberts C-Dur-Sonate D 840 entstand 1825 und blieb unvollendet, nur die ersten beiden Sätze sind fertig. Den Beinamen „Reliquie“ erhielt sie Jahrzehnte später vom Verleger, der sie irrtümlich für Schuberts letztes Werk hielt. Der Brendel-Schüler Lewis, längst einer der maßgeblichen Schubert-Interpreten unserer Zeit, spielte das weit ausgreifende Moderato mit großer architektonischer Ruhe. Die kühnen Modulationen, mit denen Schubert hier in entlegene Tonarten aufbricht, klangen nicht wie Abschweifungen, sondern wie Wege nach innen. Das c-Moll-Andante hatte etwas Wanderndes, Unbehaustes. Lewis verzichtete auf jede Vervollständigung der Fragmente und ließ das Werk dort enden, wo Schubert es als Ganzes hinterlassen hat. Als das Andante verklungen war, hielt der Saal für einen Moment den Atem an, jene Stille, die bei der Schubertiade oft mehr sagt als jeder Beifall.
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Zum Abschluss die Sonate KV 333, um 1783 entstanden und ein Werk voller Licht, in dem galante Anmut und opernhafte Kantabilität einander die Hand reichen. Lewis spielte das Allegro mit federnder Eleganz, das Andante cantabile als Arie ohne Worte. Im Finale, das mit seiner auskomponierten Kadenz beinahe zum Klavierkonzert wird, gönnte er sich hörbar Freude an der Brillanz, ohne die Noblesse preiszugeben, die diesen Abend auszeichnete. Das Publikum feierte ihn mit langanhaltendem, begeistertem Applaus.

Paul Lewis spielt ganz im Dienst der Musik, und gerade deshalb klingt bei ihm selbst Vertrautes wie neu entdeckt. Selten war Klarheit so warm.