Streiflicht: Tempo

„Ich schaff das nicht.“ Dieser Satz hat eine Vorgeschichte, ehe er schnaufend hervorgestoßen wird. Sie hatten einen Radausflug geplant. Einen gemütlichen, aber das ist ein dehnbarer Begriff.
Rudi zieht ab wie eine Rakete. Edwin strampelt hinterher. Erst erstaunt, dann verärgert. Wieso muss man immer schweißgebadet ankommen? Sieht Rudi die Kürbisfelder und die früchteschweren Apfelbäume überhaupt, an denen er vorbeirast? Die Erschöpfung nährt den Groll. Der Abstand wächst. Rudi wird immer kleiner. Aber hinterherrufen? Niemals! Das lässt der Stolz nicht zu. Also keucht er weiter. Am Waldrand hinter der Kurve steht eine rote Bank in der Sonne. Hält Rudi dort nicht an, geigt er ihm die Meinung.
Weiter vorne sieht die Welt anders aus. Was für ein prächtiger Tag! Lustvoll tritt der erste der beiden Radler in die Pedale und genießt den Fahrtwind. Wo bleibt Edwin? Hat sicher Äpfel aufgeklaubt und mit dem Obstbauern geplaudert. So ist er, der Edwin: kontaktfreudig. Als Edwin sich mit hochrotem Kopf den Hügel hochquält, lacht Rudi ihm entgegen. „Ich schaff das nicht mehr“, presst Edwin hervor. „Sag das doch früher“, antwortet Rudi. Gemütlich ist eben ein dehnbarer Begriff.