Wo altes Handwerk weiterlebt

VN / 07.10.2026 • 14:00 Uhr
Auch bei der Arbeit ist Anny Rhomberg gut gelaunt.
Auch bei der Arbeit ist Anny Rhomberg gut gelaunt. privat

Anny Rhomberg, 97, ist Weberei-Meisterin. An ihren Webstühlen arbeitet sie heute noch manchmal.

Dornbirn Im Innenhof des Anwesens an der Dornbirner Hatlerstrasse ist Licht da, wo es sonst dunkel ist. Es ist das Atelier, in dem vier Handwebstühle von Anny Rhomberg stehen. Und zwar so, als könnte jemand direkt da weitermachen, wo einst die letzte Weberin aufgehört hat zu weben. Dass Anny Rhomberg selbst am Webstuhl sitzt, passiert freilich nicht mehr oft. Ihre Zeit als Leiterin der von ihr gegründeten Weberei mit mehreren Mitarbeiterinnen liegt schon Jahre zurück. Aber heute ist sie da und erzählt, was sie macht und sie zeigt auch, wie es geht.

Hier ist eine Eigenkreation mit besonderer Farbzusammenstellung zu sehen.
Hier ist eine Eigenkreation mit besonderer Farbzusammenstellung zu sehen. privat

Es wird ein Teppich, aber nicht irgendeiner. Aus einem ursprünglich großen Stück webt sie schmale Läufer. Zuvor wurde der alte Teppich aufgetrennt, die dicken Wollschnüre gewaschen, und nun werden sie neu verwoben. „Die Wolle stammt vom Tiroler Steinschaf“, sagt sie und erwähnt, dass sie das Material früher direkt von Tirol bezogen habe.

Wenn Anny Rhomberg webt, nimmt sie es immer noch ganz genau.
Wenn Anny Rhomberg webt, nimmt sie es immer noch ganz genau. privat

Das Weben erfordert nicht nur Anny Rhombergs Können und ihre Geschicklichkeit, sondern auch ganz schön Körpereinsatz. „Ich mache die Bewegung locker, dann belastet sie den Rücken nicht“, verrät die 97-Jährige ihre bewährte Methode. Und während sie lächelnd weiter arbeitet, gibt sie einige der Grundbegriffe über das Handwerk preis, erzählt also von Kette und Schuss und ist ganz in ihrem Element. So wie früher. Die Bewunderung für ihr Tun relativiert sie jedoch. „Es ist keine Kunst, einen Wollteppich zu weben“, stellt sie klar. Da habe sie im Laufe der Zeit ganz andere Sachen gemacht. Nämlich solche, auf die sie, bei aller Bescheidenheit, stolz sein darf.

Das Archiv von Anny Rhomberg ist eine wahre Fundgrube.
Das Archiv von Anny Rhomberg ist eine wahre Fundgrube. privat

Da ist dieser Auftrag, den sie über einen ihrer Schüler an der Textilschule Dornbirn bekam: „Seine Mutter, eine Großgrundbesitzerin in Oberösterreich, bestellte bei mir einen besonderen Bekleidungsstoff, aus dem sie im Haus Jean Patou Paris ein Modell fertigen ließ.“ Für Anny Rhomberg ist das bis heute eine große Anerkennung, dass ihr Material selbst solchen Anforderungen gerecht wurde.

Im Garten ist Anny Rhomberg gern, früher hatte sie einen eigenen Nutzgarten.
Im Garten ist Anny Rhomberg gern, früher hatte sie einen eigenen Nutzgarten. privat

Die Grundlage des Webens wurde früh gelegt

Den ersten Kontakt zum Weben bekam die im Jahr 1929 als Anna Katharina Agatha Dünser in Bezau Geborene schon in der Schule. Danach besuchte sie die Webschule Imst und machte bei Sannwald Hörbranz ein 18-monatiges Praktikum. „Ich lernte alles über die mechanische Weberei, vom Entwurf bis zur Produktion“, erinnert sich Anny Rhomberg. Ihr umfangreiches Wissen ließ sie schließlich an die Textilschule Dornbirn wechseln, wo sie während sechs Jahren als Fachlehrerin für Weberei unterrichtete. Ein Praktikum im Künstleratelier Lisbeth Bissier Meersburg war dafür ebenfalls eine gute Grundlage.

Mit der Heirat mit dem Baumeister Benedikt Rhomberg im Jahr 1951 begann ein neues Kapitel. Anny Rhomberg konzentrierte sich fortan nicht nur auf die Gründung einer Familie und auf die Büroarbeiten des Geschäfts ihres Mannes. Es war auch die Zeit, als die eigene Weberei ihren Anfang nahm. Beispiele von feinen Geweben aus Wolle, Leinen oder Baumwolle waren in der Glasvitrine vor dem Wohnhaus, der heutigen „Kunstvitrine an der Magistrale“, ausgestellt. „Sehr gefragt waren unter anderem Diwan-Überwürfe aus selbst gefärbter Wolle“, verrät die Meisterin ihres Fachs. Es sprach sich herum, dass es bei Anny Rhomberg Sachen gab, die man so nirgends kaufen konnte. Das brachte ihr Kunden aus dem ganzen Land. Von Kursen, durch die sie nach der Pensionierung ihre Expertise vermittelte, profitierten viele Menschen und Institutionen, auch die Susret-Art-Manufaktur. Das alte Handwerk soll schließlich weiterleben. ERH

Zur Person

ANNY RHOMBERG
GEBOREN 28.3.1929
WOHNORT Dornbirn
FAMILIE Vier Töchter, vier Enkel, zwei Urenkel
BERUF Weberei-Meisterin
HOBBYS (Frühere) Eigener Biogarten, Gäste einladen