So erlebt Ex-Banker Gerhard Bösch den Dauerbeschuss in Kiew

VN / 12.10.2026 • 15:54 Uhr
So erlebt Ex-Banker Gerhard Bösch den Dauerbeschuss in Kiew
Der Lustenauer Gerhard Bösch.Privatbank

Der Lustenauer ist regelmäßig in der ukrainischen Hauptstadt. “Kapitulation ist dort keine Option.”

Wien, Kiew Bis Ende 2024 lebte der Lustenauer Banker Gerhard Bösch (69) in der vom russischen Angriffskrieg schwer geschundenen ukrainischen Hauptstadt. Mittlerweile ist er in Wien und in Pension, “doch alle zwei Monate fahre ich aus privaten Gründen für eine Woche nach Kiew. Ich habe dort noch viele Bekannte, und vor allem meine Freundin.” Vor drei Wochen war er zum letzten Mal in Kiew.

Auch als “Aufräumer” gefragt

Der Bruder des Austria Lustenau-Teammanagers Bernd Bösch (65) reist jedoch nicht nur als Privatmann in das Kriegsgebiet. “Ich habe in Kiew einen Auftrag der ukrainischen Regierung angenommen. Es geht um eine vom Staat übernommene Bank, die einst einem russischen Oligarchen gehörte. Dort gibt es massive Korruptions-Anschuldigungen durch die zuständige Staatsanwaltschaft. Die Bank soll für eine baldige Privatisierung vorbereitet werden”, beschreibt Bösch seine Agenda. Der ebenfalls dem Staat gehörenden “Privatbank”, die Bösch früher leitete, gehe es trotz des Kriegsgeschehens gut. “Die rund 1000 Filialen sind geöffnet, die 7000 Bankomaten funktionieren, die Geschäfte laufen.”

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Zerstörung, Leid, Tod, dauernde Anspannung: Das Leben in Kiew ist zur Hölle geworden. Dennoch denken die Menschen nicht an Kapitulation. AFP

Kapitulation? Nie!

Dass der brutale russische Angriffskrieg mit Bomben und Drohnen die Stadt immer mehr ins Elend stürzt, nimmt Bösch bei seinen Aufenthalten dennoch wahr. “Als ich noch in Kiew lebte, waren es gelegentliche Angriffe. Jetzt gibt es gefühlt alle 20 Minuten Luftalarm. Tag und Nacht.” Bösch berichtet von einer angespannten Stimmung. Die Menschen sind mit einer App ausgestattet, durch die sie gewarnt werden, wenn wieder ein russischer Angriff im Gang ist. “Diese App informiert auch darüber, um welche Art von Angriff es sich handelt.”

Der Lustenauer sieht die Schäden, die in der Millionen-Metropole immer größer werden. “Die Russen zerstören unablässig Infrastruktur: Dazu gehören jetzt auch Schulen, Spitäler und lebenswichtige Brücken. Trotzdem ist die Stimmung nicht fatalistisch. Sie ist angespannt, aber aktiv wachsam. Von Kapitulation keine Spur. Es wäre für die Menschen in Kiew das Ende. So empfinden sie dieses Szenario.”

24-Stunden-Reisen

Das Leben in der Stadt sei im Rahmen des möglichen immer noch normal. “Restaurants und Cafes sind offen. Die Leute sitzen da und reagieren oft selbst bei Luftalarm nicht immer. Statistisch gesehen ist die Möglichkeit, bei einem Angriff zu sterben, ja immer noch gering.”

So erlebt Ex-Banker Gerhard Bösch den Dauerbeschuss in Kiew
Gerhard Bösch mit einem jungen ukrainischen Soldaten. Das Bild entstand in den Anfängen des Krieges, der immer schlimmer wurde. bösch

Beschwerlich sind für Bösch die Bahnreisen von Wien nach Kiew und zurück geworden. “Ich bin da gewöhnlich 24 Stunden unterwegs.” Dass die Russen mittlerweile auch Bahnstrecken bombardieren, nimmt er in Kauf. “Ich habe keine Angst.”

Kein Verständnis hat Gerhard Bösch für Politik und Behörden in Österreich. Da können sich einerseits aus der Ukraine geflohene korrupte Amtsträger und Oligarchen in Wien aufhalten, während anderseits geflohenen wehrdienstfähigen Männern kein Flüchtlingsstatus mehr zuerkannt wird. Dass unlängst ein bekannter ukrainischer Investigativjournalist kurzzeitig verhaftet wurde, löst bei Bösch nur Kopfschütteln aus.